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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 4/2022

Babymassage fördert Wohlbefinden


Die Auswahl an Mutter-Kind-Programmen ist groß. Babyschwimmen, PEKiP, Krabbelgruppe oder der Mama-Baby-Treff im Café – wer die Wahl hat, hat die Qual, schließlich möchte man für sein Kind nur das Beste und ihm einen schönen Start ins Leben schenken. Was aber, wenn es erstmal nur darum gehen soll, dass die Kleinen (v.a. Frühgeborene) sich beruhigen, um für Bindungserfahrung und Entwicklung offen zu sein?

Ich erinnere mich an meine eigene Situation: Zwei Wochen, nachdem unsere Tochter geboren war, entwickelte sie sich zum „Schreibaby“. Tagsüber mussten wir unseren sehr aktiven, 1,5-jährigen Sohn bändigen, und bis in die Nacht hinein verbrachten wir, wippend auf dem Gymnastikball oder im Kreis laufend, mit dem kreischenden Baby auf dem Arm. Auf unserer Suche nach Lösungen begegneten wir dem Entspannungsverfahren „Babymassage“ und erlebten erstaunliche Erfolge, denn die Schreizeiten unserer Kleinen reduzierten sich auf ein Minimum. Heute gebe ich diese Erfahrung und mein Wissen als Heilpraktikerin im Rahmen von Babymassage-Kursen an Eltern weiter.

Herkunft

Die Babymassage stammt aus Südindien, wo sie auch „Kumara Abhyang“ genannt wird. Der Pariser Gynäkologe und Geburtshelfer Frédérick Leboyer entwickelte dort in den 1970er-Jahren eine neue Sichtweise auf Geburt und Mutterschaft. Er beobachtete, dass die Babys ab dem ersten Lebenstag von ihren Müttern massiert wurden und die Massage entscheidend zu ihrem Wohlbefinden beitrug. Das Wissen über Technik und Durchführung wird in Indien heute noch von Generation zu Generation weitergegeben.

Nähe und Bindung für alle

Die Babymassage (ab der dritten Woche oder nach Abheilen des Nabels) ist eine wunderbare Methode, um bei den Kleinen Ruhe, Zufriedenheit und Wohlbefinden zu fördern, körperliche Beschwerden zu lindern und auch den Familienfrieden wiederherzustellen. Ihr wohltuender Effekt ist leicht nachzuvollziehen:

In der ersten Lebensphase ist die Haut des Babys das wichtigste Sinnesorgan. Über keinen anderen Weg kann es Zuwendung und Zärtlichkeit stärker empfinden. Während der Schwangerschaft wurde sie neun Monate lang ständig von Fruchtwasser und Gebärmutter stimuliert, was dem Baby Wärme und Geborgenheit vermittelte. Nach der Geburt jedoch liegt der Säugling oft Stunden allein in seinem Bettchen, in dem sich nichts um ihn herum bewegt. Vermisst das Kind die „alte“ Geborgenheit allzu sehr, wird es anfangen zu schreien.

Während der Babymassage ist es ganz natürlich, dass die Mutter mit dem Kind spricht und Augenkontakt zu ihm hält. Dies ist ein Grund, warum Massagen auch Müttern bei postnatalen Depressionen helfen können. Babymassagen sind auch für Väter von Vorteil. Diese kommen bei der aktiven Pflege in vielen Fällen zu kurz, besonders dann, wenn sie Vollzeit arbeiten und das Baby gestillt wird. Eine regelmäßige Massage durch den Vater kann zum Ritual werden. So kann auch der Papa einen besseren Kontakt zu seinem Kind aufbauen.

Keine „klassische“ Massage

Eine Babymassage ist keine manipulative Methode, wie sie bei Erwachsenen angewendet wird, die von einem professionellen Masseur kräftig „durchgeknetet“ werden. Es handelt sich um eine sanfte, liebevolle Kommunikationsform. Die Muskeln des Babys, die nur ein Viertel seines Gewichts ausmachen, sind noch nicht so aufgebaut, dass sich Verspannungsknoten (Myogelosen) darin bilden. Sein Körper ist so zart, dass eine leichte, dennoch feste Streichmassage ausreicht, um seinen Kreislauf und die Funktion der inneren Organe anzuregen.

Wenn das Baby noch sehr klein ist, sollte man sehr sanft und behutsam vorgehen. Sobald es kräftiger wird, kann man auch fester massieren. Mit der Zeit bekommt man ein Gefühl dafür, wie stark das Baby angefasst und massiert werden soll, denn es möchte die Kraft, die Liebe und das Vertrauen spüren. Obwohl Säuglinge (v.a. Frühgeborene) sehr zerbrechlich erscheinen, ist ein gewisser Druck nötig, um einen wirkungsvollen Effekt (z.B. eine Gewichtszunahme) gewährleisten zu können.

Die Streichbewegungen sollten langgezogen, langsam, rhythmisch und kräftig durchgeführt werden, sodass sie angenehm und anregend sind. Hektische Bewegungen, „Knuffen“ oder Kitzeln sind bei der Massage zu vermeiden. Zu beachten ist, dass immer die ganze Innenflä- che der Hand aufgelegt wird, sodass sich diese sanft, aber mit festem Druck an den Körper des Babys anschmiegen kann. Der Kraftaufwand sollte gerade so fest sein, dass die Blutzirkulation angeregt wird und das Kind spürt, dass es in den starken Händen (der Mutter oder des Vaters) geborgen ist.

Vorteile

Babymassagen fördern die psychische sowie die physische Gesundheit. Sie können besonders geeignet für Frühgeborene sein, aber natürlich profitieren auch voll ausgereifte Neugeborene und ältere Babys davon.

Heute weiß man, dass Berührungen für die gesunde Entwicklung von Babys lebensnotwendig sind. Körperkontakt ist eine der wichtigsten Arten, mit einem Kind zu kommunizieren. Streicheln, Klopfen, Tätscheln und Massieren sind Nahrung für Körper, Geist und Seele.

Allgemein machen es die Massagen dem Baby leichter, entspannt zu bleiben und weniger zu weinen. Während einer „Zubettgeh-Massage“, die 5-10 Minuten dauert, kann das Baby seine überschüssigen Energien abbauen und nochmals kräftig strampeln. Es reagiert auf die Berührungen mit Bewegungen des ganzen Körpers. Wird diese Massage ritualhaft durchgeführt, wird das Baby mit der Zeit wesentlich ausgeglichener. Es schläft besser und wacht erholter auf.

Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass durch die sanfte Massage über das Gehirn vermehrt Wachstumshormone ausgeschüttet werden. Herz-Kreislauf-Funktion sowie Durchblutung von Haut und Muskeln werden angeregt. Die Atmung ist intensiver und der Verdauungstrakt wird stimuliert, weshalb die Massage besonders für Babys mit Blähungen und Verstopfungen sehr hilfreich sein kann. Nebenbei wird das für eine gesunde Entwicklung notwendige „Urvertrauen“ gestärkt und das Körperbewusstsein in seiner Ausprägung unterstützt.

Frühgeborene profitieren besonders

Die Babymassage kann für Frühgeborene und Säuglinge, die einen langen Krankenhausaufenthalt hinter sich haben, und nicht zuletzt für die (gestressten) Eltern ein wahrer Segen sein. Bei den Säuglingen sind die Anregung des Kreislaufs und der Sinneswahrnehmung sowie Verbesserung des Schlafverhaltens und des Stressabbaus ausschlaggebend für eine positive Entwicklung. Außerdem lassen sich Gewichtszunahme, verringerte Abwehrspannung und verbesserte Selbstregulation des Babys beobachten. Es kommt seltener zu gefährlichen Apnoe-Episoden (Atemstillstand).

Bei den Eltern (und ggf. Geschwistern) steht neben der Unterstützung der Bindung und Stärkung der (non-)verbalen Kommunikation mit dem Säugling auch die Entwicklung eines besseren Verständnisses für das Baby im Vordergrund. Durch den Anstieg von Oxytocin und Prolactin lässt sich bei Müttern die Milchbildung fördern.

Optimale Massagezeit

Passend ist eine Phase zwischen den Mahlzeiten. Dann ist das Baby nicht zu hungrig oder zu satt. Es ist besser, nicht unmittelbar vor dem Vormittags- oder dem Nachmittagsschlaf zu beginnen. Eine Massage könnte das Baby zu sehr stimulieren, wenn es schon schläfrig ist. Das hängt jeweils von der Art und Weise der Massage sowie der Technik ab. Eine Massage als Teil des abendlichen Rituals könnte nach einem Bad und (mit zeitlichem Abstand) vor der letzten Mahlzeit stattfinden, bevor das Baby schlafen gelegt wird.

Tipp für erfahrene Mütter

Wird die Massage vor dem abendlichen Bad durchgeführt, können sich im warmen Wasser die Poren öffnen, sodass die Wirkstoffe von Öl oder Kokosfett besser in die Haut eindringen. Der überschüssige Rest wird abgewaschen. Beim Baden ist besondere Vorsicht geboten, da das Baby durch das Öl glitschig wird und so deutlich schlechter gehalten werden kann. Deshalb sollte diese Massage nur von erfahrenen Müttern durchgeführt werden.

Kontraindikationen

Babymassagen sind nicht zu allen Zeiten empfehlenswert. Da Babys die Gefühle der Bezugsperson auf sich übertragen, sollten Massagen vermieden werden, wenn man selbst unruhig, gestresst und angespannt ist. Auch wenn das Baby Fieber hat, schläft oder satt ist, sind Babymassagen unvorteilhaft. Vorsicht ist geboten, wenn das Kind einen Leisten- oder Nabelbruch erlitten hat. In diesem Fall sollten Brust, Bauch und Becken nicht zusätzlich belastet werden.

Im Kurs oder lieber allein zuhause?

Die meisten Mütter durchleben mehr oder weniger dieselben Probleme. Sie sind verzweifelt, hilflos, müde, manchmal wütend oder verärgert. Viele haben das Bedürfnis, sich auszutauschen. Kurse bieten dafür eine gute Möglichkeit. Insofern dreht sich hier nicht alles ausschließlich um die Vermittlung der Massagetechniken, sondern es ist wichtig, dass es den Müttern und ihren Kindern gut geht. Dazu gehört auch das Ansprechen von Sorgen, Kummer oder Überforderung. Dies ändert vielleicht nichts an der Situation, aber man fühlt sich von anderen Müttern verstanden und nicht allein.

Wer jedoch die organisatorischen Maßnahmen schlecht in seinen Tagesablauf integrieren kann, so wie es bei mir der Fall war, sollte zuhause massieren. Es ist wichtig für die Wirksamkeit und Effizienz der Massage, dass sich Mutter und Kind entspannen können. Wo das genau passiert, ist jedem selbst überlassen.

Eine angenehme Raumatmosphäre, in der sich Mutter und Kind wohlfühlen und für innige Zweisamkeit öffnen können, lässt sich sowohl in Kursen wie auch zuhause schaffen, indem man z.B. bei gedämpftem Licht einen Bio-Raumduft versprüht, leise Musik oder Stille wirken lässt und Matten, Stillkissen und Decken bereithält.

Praktische Massagebeispiele

Bei Bauchschmerzen
Viele Säuglinge leiden im ersten Lebenshalbjahr unter schmerzhaften Drei-Monats-Koliken und Blähungen. Folgende Technik hilft, den Magen-Darm-Trakt zu beruhigen und „Druck abzulassen“: Das Kind liegt auf dem Rücken. Nun wird das Bäuchlein mit sanftem Druck im Uhrzeigersinn kreisend massiert. Alternativ kann man mit den Handflächen vom Nabel zu den Beinen fahren. So geht die überschüssige Luft ab, das Baby fühlt sich erleichtert.

Bei Unruhe
Legen Sie das Baby vor sich auf den Rücken. Streichen Sie mit den Händen gleichmäßig von seinen Schultern zu den Beinen – erst von links oben nach rechts unten, dann von rechts oben nach links unten. Bei dieser diagonalen Berührung schaltet das Gehirn auf Entspannung, die Produktion von Stresshormonen, z.B. Cortisol, wird gebremst. Das Kind wird sich während der Massage beruhigen und den Tag ausgeglichener erleben.

Fazit
Dank schulmedizinischer Untersuchungsmöglichkeiten, z.B. durch Messung verschiedenster Hormone in Blut oder Urin, kann man inzwischen die Vorteile der Babymassage sichtbar machen. Die physiologischen Effekte bestätigen, was Generationen von Müttern schon wussten: Die Babymassage ist eine wunderbare Möglichkeit, das Kleinkind in der Entwicklung seiner körperlichen, geistigen, emotionalen und sozialen Fähigkeiten zu unterstützen. Und nicht minder wichtig: Glückliche und zufriedene Babys haben glückliche und zufriedene Eltern. Die Babymassage ist also ein Wohlfühlprogramm für die ganze Familie.

Manuela Fink
Staatlich anerkannte Erzieherin, Heilpraktikerin (Schwerpunkt Kinderheilkunde) mit eigener Praxis in Schwabach, Dozentin an den Paracelsus Schulen
m.fink@vitamobilitas.de

Fotos: © Vitalinka / adobe.stock.com, © llhedgehogll / adobe.stock.com, © New Africa / adobe.stock.com

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