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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 4/2022

Die geheimnisvolle Welt der Faszien

Einsatz von Traditioneller Thailändischer Medizin (TTM) zur nadellosen Faszientherapie

Früher wurden Faszien eher passive Eigenschaften zugeschrieben, und man zog beim Verständnis von Rückenschmerzen sowie anderen Störungen im Bewegungsapparat Dysfunktionen von Muskeln, Knochen und Bandscheiben in Betracht, nicht aber diese spezielle Körperstruktur. Neueste Untersuchungen belegen, dass Faszien nicht nur der passiven Übertragung von muskulär erzeugten Kräften dienen, sondern sich auch selbst aktiv zusammenziehen und entspannen können. Diese Erkenntnisse legen nahe, warum es häufig chronisch verspanntes Muskelgewebe gibt, das sich selbst bei entspanntem Liegen oder im Schlaf noch als Verhärtungen darstellen kann. Es scheint, dass der Körper neben dem schnell veränderlichen und vom Zentralnervensystem gesteuerten Muskel-Bewegungssystem noch über ein zweites und langsameres System zur Spannungsregulation verfügt, das eine Hintergrundspannung der muskulären Faszien erzeugt. Viele körperlichen Beschwerden hängen offenbar mit einer negativen Veränderung dieser bindegewebigen Hintergrundspannung zusammen. Dies ermöglicht ein neuartiges Verständnis in der Diagnose und Behandlung krankhaft veränderter Körperhaltung und Schmerzproblematik. Dabei können Methoden aus der Traditionellen Thailändischen Medizin eine große Hilfe sein.

Verklebungen

Faszien sind feine, aber zähe bindegewebige Häute, die beim Menschen z.B. Muskeln und Organe einhüllen. Fasziale Bindegewebe erfüllen außer einer Trennung der Muskeln voneinander weitere wichtige Aufgaben: So wird auch die Lymphe zwischen den Faszien abgeleitet, die sowohl Abbauprodukte aus unseren Zellen heraus als auch Aufbaustoffe zu den Zellen hin transportiert. Abflussstörungen der Lymphe entstehen häufig aufgrund von Faszienverklebungen. Dann stauen sich Lymphflüssigkeit und Fibrinogen in Kombination mit bestimmten Substanzen zu unlöslichem Fibrin. Adenosintriphosphat wird bei Muskelanspannung freigesetzt und aktiviert das Fibrin. Dieses verklebt die Faszien intensiv, was wiederum einen Lymphstau hervorruft. So entsteht ein leidensvoller Kreislauf.

Zusätzlich entwickeln sich an diesen Stellen Zugspannungen, die sich auf andere Areale des Körpers übertragen können und dort Beschwerden hervorrufen. Faszien stehen untereinander in Verbindung und leiten Spannungen, Unbeweglichkeiten und Blockaden in andere Körperteile weiter. Deshalb kann z.B. eine verkürzte oder verklebte Wadenfaszie über die Beine einen Zug auf unseren unteren Rücken oder sogar die Schulter ausüben und dort für Bewegungseinschränkungen und Schmerzen sorgen. Die gute Nachricht: Durch eine Änderung an einer Faszie erreichen wir viele weitere von Kopf bis Fuß, im Prinzip das ganze System.

Innerer Spannungsregulator

Faszien können im Körper hauchdünn oder mehrere Millimeter stark sein und sind zahlreich mit sympathischen Nervenendigungen durchsetzt, wodurch sie auf unser Vegetatives Nervensystem wirken. Sie bilden sozusagen den Außenposten unseres Autonomen Nervensystems. Auch die Faszienspannung wird vom Autonomen Nervensystem beeinflusst. Hier gibt es eine Wechselwirkung: Innere Harmonie und Gelassenheit senken unsere Körperspannung, Stress dagegen kann die Grundspannung unserer Faszien steigern. Haben wir nie gelernt, uns wirkungsvoll auf der Ebene der Faszien zu entspannen und loszulassen, wird die Tonuserhöhung zu unserem Selbst. Eine Negativspirale kann in Gang gesetzt werden, an deren Ende ein unbeweglicher, grobmotorischer, womöglich noch junger Mensch steht, der sich schon bei normalen Bewegungen verletzen kann. Einige heftige oder für ihn ungewohnte Bewegungen reichen aus, um Muskeln zu zerren oder zu stauchen.

Es kann sein, dass durch Nöte und Sorgen, über das Vegetative Nervensystem gesteuert, in den Faszien Schmerzen und Verspannungen entstehen. Wir kennen Sprichwörter wie z.B. „Die Angst sitzt mir im Nacken“. Gleichzeitig können diese Spannungen über unser Erscheinungsbild sowie unsere psychische Stimmungslage Aussagen treffen. Das Gute daran ist: Wir können diese Erkenntnis nutzen, um mit Hilfe der Faszienbehandlung unsere Psyche und emotionalen Empfindungen positiv zu beeinflussen.

Bewegungseinschränkungen

Auch für die menschliche Gesamtbeweglichkeit sind Faszien entscheidend. Vor einer Operation sind Faszien durchgängig, durch den Schnitt sind sie fortan geteilt samt Vernarbung oder Verklebung. Hier können Spannungen in den Faszien entstehen, die sich woanders in einem Schmerzbild zeigen. Durch Schonhaltung, Bewegungsmangel und falschen Gebrauch des Körpers verkürzen und verhärten sich Faszien. Sie werden umgebaut: Die gut dehnbaren Elastin-Anteile nehmen ab und werden innerhalb der Faszie durch zähes, kaum dehnbares Kollagen ersetzt. Der Grundtonus erhöht sich schließlich um ein Vielfaches, wodurch die Faszien starr und unbeweglich werden und ihre Gleitfähigkeit verlieren. Die gravierenden Folgen: Durch diese Kettenreaktion grenzen sie den Bewegungsspielraum unserer Muskulatur und Gelenke dauerhaft, oft auch schmerzhaft, ein.

Faszien als Energiespeicher

Beispielsweise werden im Fuß die bindegewebigen Bänder und Faszien gedehnt, sobald wir mit unserem gesamten Körpergewicht auf den Füßen stehen. Haben wir ein gut ausgebildetes Fußgewölbe, dann senkt es sich etwas, Ballen und Ferse weichen durch das Gewicht leicht auseinander. Die zähen und trotzdem elastischen Faszien werden so gedehnt. Sie speichern diese Energie und sind leicht vorgespannt. Sobald wir das Körpergewicht minimal verlagern, wird die Energie freigegeben. Der Schritt beginnt und der Fuß geht in seine ursprüngliche Form zurück, bis der Prozess wieder von vorn beginnt. Dieses Prinzip der Energiespeicherung über die Faszien gilt für den ganzen Körper.

Versinnbildlichen wir diesen Umstand folgendermaßen: Wenn wir an einem flexiblen, elastischen Holzbogen an beiden Enden ein Seil befestigen, dann den Pfeil einlegen, den Bogen spannen und den Pfeil loslassen – mit welcher Sehne fliegt der Pfeil weiter: mit einem starren Seil oder mit einem elastischen Band? Mit dem elastischen Band wird natürlich viel mehr Kraft auf den Pfeil erzeugt. So verhält es sich auch mit der Kraftunterstützung unserer Faszien im ganzen Körper.

Möglichkeiten der Faszienmobilisation

Mit Hilfe von normaler Gymnastik oder anderen Bewegungsarten ist es leider kaum möglich, kollagene Verdickungen oder Verklebungen des Bindegewebes aufzulösen. Es gibt keine Chance, die Faszien langfristig zu mobilisieren. Myofaszien lassen sich jedoch sehr gut durch einen manuellen subtilen Druck, wenn mit Dehnung verbunden, lösen und mobilisieren. Zahlreiche nervale Rezeptoren in den Faszien sind neurologische Schaltstellen, die über einen sensiblen manipulativen Druck und die Dehnungsinformationen direkt an das Nervensystem übermitteln. Oft führt das zu einer spontanen Tonusveränderung des Gewebes. So kann man über Faszienmobilisation die Lage der Muskeln und deren Funktion im Körper nachhaltig positiv beeinflussen und gleichzeitig über Rezeptoren in den Faszien das Vegetative Nervensystem harmonisieren.

Die Verbindung der Muskelfasziensysteme

Das Myofasziale Schmerzsyndrom ist ein Krankheitsbild, das durch Schmerzen in den Weichteilen des Haltungs- und Bewegungsapparates gekennzeichnet ist. Im Mittelpunkt steht unser Muskelfasziensystem, das im weitesten Sinn alle Muskeln und deren Hüllen (Faszien) samt Sehnen und Bandstrukturen umfasst. Die Tatsache, dass alle Muskelfasziensysteme des Körpers miteinander verbunden sind, ist ausschlaggebend für die Behandlung.

Die Ursache vieler Muskel-Bänder-Sehnen-Syndrome sind krankhafte Spannungen mit schmerzhaften Muskeln und Sehnenpunkten. Ein Triggerpunkt zeigt eine druckempfindlich geschwollene (ödematöse) Position, die eine typische Schmerzausstrahlung aufweist. Im Triggerpunkt-Komplex haben wir einen zentralen Knoten von Muskelfasern, der eine Art Dauerkrampf in der Muskulatur darstellt. Gleichzeitig werden Muskelfasern außerhalb dieses Knotens in eine passive Dehnstellung gebracht, sodass dadurch Sehnen- und Muskelansatzentzündungen folgen. Durch Freisetzung neurobiochemischer Substanzen wird die Reizschwelle der Schmerzfühler herabgesetzt, sodass schon normale Belastungsreize des Alltags zu erheblichen Schmerzprozessen führen (Allodynie).

Eigentümlich ist die Schmerzausstrahlung der Triggerpunkte: Der Schmerz ist meist weit vom vorhandenen Triggerpunkt entfernt spürbar. So kann man z.B. bei einem austherapierten Patienten mit häufiger Migräne einen solchen Punkt im M. gastrocnemius finden und behandeln, woraufhin der Patient seine Migräneschmerzen im Kopfbereich verspürt. Auf diesen Punkt waren seine Anfälle zurückzuführen.

Behandlung nach der TTM

Seit Jahrtausenden behandeln die Therapeuten der Traditionellen Thailändischen Medizin Triggerpunkte und das Fasziensystem durch ihre Massagetechniken, die dem Patienten rasch Linderung verschaffen. Im Folgenden werden die bedeutendsten kurz vorgestellt:

Tok Sen

Tok bedeutet schlagen, Sen zehn. In der TTM gibt es zehn Energiebahnen, die aus dem Ayurveda abgeleitet sind. Für gewöhnlich werden diese mit Holzhammer und -meißel behandelt. Bei der Faszien- und Triggerpunktbehandlung jedoch werden die schmerzhaften Punkte und Areale bearbeitet. Wir suchen den Triggerpunkt, setzen den Meißel auf und schlagen mit dem Holzhammer gefühlvoll und rhythmisch auf den Meißel.

Die dabei entstehende Kraft trifft genau den schmerzhaft veränderten Punkt, der bei jedem Schlag gepresst wird und wieder entspannt. Es entsteht ein Pump- und Saugeffekt. Gleichzeitig wird das Gewebe um diesen Triggerpunkt herum durch starke Vibration in Schwingung gebracht, die sich über das gesamte Fasziensystem verbreitet. Durch die Schwingung entsteht Reibung, wodurch sich im Gewebe, im und um den Triggerpunkt herum eine wohlige Wärme entwickelt. Gleichzeitig wird das Wasser im Intra- und Extrazellulärraum des gesamten Körpers in Bewegung gebracht. Der Pischinger-Raum wird „gelockert“, die Zellver- und -entsorgung verbessert. Gleichzeitig wird die Sauerstoffversorgung des Gewebes unterstützt und die Entgiftung gefördert. Meist sind mehrere Anwendungen erforderlich.

Thai Bamboo Massage

Wird gern bei großflächigen Faszienverklebungen eingesetzt. Durch ihre breite Auflage verteilt sich der ausgeführte Druck gleichmäßig auf das Gewebe.

Dies führt dazu, dass die Lymphe verdrängt und zum Abfließen gebracht wird. Gleichzeitig verschieben sich die Faszien untereinander.

Für die Massage eignen sich glatte, unter Wasserdampf verdichtete Bambusstöcke am besten. Mit dem abgerundeten Ende des Stabs kann man den Triggerpunkt fixieren und durch Druck oder Kreisbewegungen lösen.

Thai Yoga Massage

Die anspruchsvollste TTM-Behandlung in Bezug auf Faszien und Triggerpunkte. Man könnte diese Methode auch als passives Yoga bezeichnen. Sie besteht aus einer Sammlung von Positionen der Biegung, Drehung, Streckung, Dehnung und Pressung, die meist gleichzeitig am Patienten ausgeführt werden.

Das führt zu einer enorm verbesserten Beweglichkeit. Selbst bei älteren Patienten ist die Beweglichkeitszunahme meist deutlich spürbar. Der Behandler geht sehr behutsam mit dem Patienten um. Ziel einer Behandlung ist es, möglichst jede Struktur des Bewegungsapparats zu mobilisieren (Knochen und Gelenke, Muskeln und Faszien, Bänder und Sehnen), Verklebungen zu lösen, den Lymphfluss anzuregen, Schmerzen zu lindern oder zu beseitigen.

Faszien: eine veränderliche Grundmatrix

Faszien formen unseren Körper und sind maßgeblich für dessen Erscheinungsbild verantwortlich, bilden sie doch eine veränderliche Grundmatrix. Diese passt sich über Wochen und Monate den unterschiedlichen Belastungen des Körpers an. Würden wir alle Organe, Knochen und Muskeln aus einem Menschen entfernen, könnten wir immer noch seine individuelle Gestalt erkennen. Wir sähen eine weiße, milchige Hülle mit vielen Einbuchtungen und Taschen, in denen die Organe, Knochen und Muskeln eingebettet waren. Schaffen wir es, durch manuelle Manipulation die Lage der Muskeln und die Gleitfähigkeit der Faszien zu verbessern, ändert sich oft spontan die Form des behandelten Körperteils, und dessen Beweglichkeit nimmt enorm zu. Es ist immer wieder überraschend, wie sich bereits nach einer einzigen Behandlung die Beweglichkeit des Patienten steigert. Gebeugt kommende und aufrecht gehende Patienten sind Normalität.

Otmar T. D. Metzen
Heilpraktiker mit Schwerpunkten Neuraltherapie, Handakupunktur und Traditionelle Thailändische Medizin, Autor, Dozent an den Paracelsus Schulen
naturheilpraxis-metzen@web.de

Foto: © Ihor / adobe.stock.com

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