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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 4/2022

Glosse: Da fraßen sie ihn auf

 

Dann fraßen sie ihn auf, mit Haut und Haar.
Wer? Die Sorgen.
Wen? Meinen Patienten.
Was war da passiert?

Sorgen gehen uns unter die Haut. Stoffwechselentgleisungen und andere Krankheiten scheinen sich manchmal darunter zu verstecken. Immer häufiger aber trägt unsere Haut Probleme auch an der Oberfläche aus. Dabei sind die Haut und deren Anhangsgebilde, mal abgesehen von ihren bekannten Funktionen, auch Repräsentanten:

Der Irokesen-Haarschnitt verkündet einen ungewöhnlichen Geist. Die wuschigen Haare wollen in alle Richtungen davon. Selbst zugefügte Kratzspuren deuten auf verletzende Begegnungen hin, derer man sich kaum erinnert. Strahlende Haut, strubbelige Haare, spannungslose Haut durch mangelhafte Aufnahme von Flüssigkeit, Angstschweiß auf der Stirn oder auch eine derbe Haut, die ein Mensch sich gegen die Unbill des Lebens zulegen musste – all das nehmen wir auf den ersten Blick wahr. Interessant wird es aber erst, wenn wir diese Zeichen auch ins Bewusstsein führen und uns selbst die folgenden Fragen beantworten:

Was sehe ich hier eigentlich? Das wird von der inneren Registratur vermerkt – erinnern Sie sich nur daran, wie die Haut frisch Verliebter von innen heraus zu strahlen scheint. Wenn wir das verstehen, beschäftigen wir uns auch mit der zweiten Frage:

Was bedeutet das, was ich sehe? Was sagt das über den Menschen und sein Inneres aus? Wir können uns eine Frage angewöhnen, die unsere Patienten oft verblüfft und sie für uns einnimmt: „Ich sehe, dass Ihre Haut oder Ihr Haar so und so aussieht. Wollen Sie mir erklären, was das für Sie bedeutet?“ Ich hatte eine großartige Lehrerin in Physiognomie, der Gesichtskunde, Frau Wilma Castrian. Sie prägte uns einen Satz immer wieder ein: „Man muss fragen!“

Nun fragen wir ja nicht blindlings, sondern gezielt: Wir sehen etwas, was vielleicht vor uns noch niemand zur Sprache gebracht hat, und fragen nach der subjektiven Bedeutung dessen, was wir sehen. Objektive Antworten können wir natürlich selber geben und z.B. den Unterschied zwischen einer Psoriasis und einer Neurodermitis erklären. Aber Rötungen und Blässe, Narben, Substanzverluste, die gegenüber der Makellosigkeit der Haut unserer Kinder neu sind, sind nicht einfach nur so da, sondern Ausdruck einer eventuell vegetativen oder sogar zutiefst menschlichen Reaktion.

Verdickungen können ein pathophysiognomischer Hinweis sein. Nur worauf? Wir haben vielleicht eine Ahnung, verstehen es, Oberflächen zu lesen und Rückschlüsse zu ziehen, dafür haben wir schließlich eine Ausbildung und verschiedene Fortbildungen mitgemacht; aber wir fragen besser danach, weil suggerierte Antworten nutzlos sind.

Das Fragen könnte auf den ersten Blick auch Ausdruck von Ahnungslosigkeit sein. Aber indem wir fragen, geben wir zu erkennen, dass wir ungewöhnlich genau beobachten. Dass wir durch gezieltes Fragen an dem interessiert sind, was hinter und unter der Oberfläche steckt. Und das schätzen die Menschen, wenn sie sich im intimen Kontext mit ihrem Therapeuten befinden. Vielleicht ist dem Patienten auch noch keine Antwort ins Bewusstsein gekommen. Die Erfahrung lehrt jedenfalls, dass eine gut gestellte Frage wertvoller sein kann als schnell gegebene Antworten.

Auch dieser Satz gehört in mein Kommunikations-Schatzkästchen: „Sie müssen mir diese Frage jetzt gar nicht beantworten; es reicht schon, wenn Sie diese mit nach Hause nehmen.“ Denn vielleicht hat mein Patient sich eine ähnliche Frage auch schon insgeheim selbst gestellt, dachte aber, dass es eine logische Antwort für sein Problem geben müsste. Als ob unser Körper logisch mit uns kommunizieren würde! Der spricht ja nicht mal Deutsch, sondern eine alte Sprache, für die es nur ein sehr allgemeines Wörterbuch gibt.

Eine gute Frage kann in einem Menschen eine Reihe wertvoller Assoziationen wachrufen, die er öffentlich nicht äußern würde, wenn er sich der überwiegend linkshemisphärischen Vernunft verpflichtet fühlt. Aber innerlich, im Halbschlaf, während eines Spaziergangs, mit einem Buch in der Hand in die Welt hinaus träumend, wenn das Gehirn wieder unbemerkt in den Gesamt-Aktivitätsmodus zurückgleitet, da fällt es ihm plötzlich wieder ein: wie sehr ihn das damals verletzt hat, wie tief ihm das unter die Haut gegangen ist und wie sehr er sich die Haare hatte raufen wollen. Aber er hat sich wegen der allgemein herrschenden Regeln des Verstandes nicht mehr getraut, darüber zu sprechen. Freund oder Partnerin ahnten es vielleicht, aber sie kamen mit Erklärungen aus der Psychoanalyse, anstatt vor den Fragen respektvoll zurückzutreten und die notwendige, jedenfalls hinreichende Zeit für Antworten zu lassen. Er hat sich geschämt wegen der Narben, der Spuren, die all das auf ihm hinterlassen haben. Vielleicht hat er nicht einmal Worte gefunden.

Aber hier, an dieser Grenze zwischen Vernunft und Traum, schließen sich die Kreise.

Was Therapeuten manchmal für komische Fragen stellen!

Tja.

Ihr Thomas Schnura

Thomas Schnura
Psychologe M.A., Heilpraktiker und Dozent

Thschnura@aol.com

Foto: © Prostock-studio / adobe.stock.com

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