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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 4/2022

Das Pferd als Therapiehelfer

Pferdegestützte Interventionen (PGI) zur Gesundheitsförderung des Menschen

Psychotherapie mit Pferden
Ergotherapie
Sport für Menschen mit Behinderung
Reiten als Gesundheitssport
Pferdegestütztes Persönlichkeitstraining

Das Pferd ist seit Jahrtausenden dem Menschen ein treuer Freund und Begleiter, und wird seit jeher als Reit- und Nutztier gebraucht. Erst ca. 60 Jahre alt, und damit viel jünger, ist sein Einsatz in der Behandlung von körperlich, geistig oder psychosomatisch erkrankten Menschen. Auf Grundlage dieser Tier- oder Zootherapie entwickelten sich verschiedene Interventionsformen, die alle der Gesundheitsförderung des Menschen dienen. So hat das Reiten psychische und physische Wirkungen auf den Körper des Menschen. Nachfolgend werden drei spezielle pferdegestützte Behandlungsformen, nämlich die Hippotherapie, das Heilpädagogische Reiten und Voltigieren sowie die Psychotherapie mit dem Pferd genauer beleuchtet.

Pferdegestützte Interventionen

Hierunter werden verschiedenen Maßnahmen verstanden, die das Pferd zu Hilfe nehmen, um den körperlichen und den geistigen Zustand des Patienten positiv zu beeinflussen. Anstelle der PGI wird hierzulande viel häufiger der Begriff „Therapeutisches Reiten“ (ThR) oder „Reittherapie“ verwendet. Dies ist laut Deutschem Kuratorium für Therapeutisches Reiten e.V. (DKThR) definiert als Nutzung der wohltuenden und heilenden Wirkung, die Pferde auf Menschen ausüben. Hier ist auch zu erfahren, dass die Geschichte des ThR bis ins Zeitalter der Griechen zurückgeht: Hippokrates von Kos (460-370 v.Chr.) beschrieb schon damals das Reiten als heilsamen Rhythmus mit wachsendem Selbstgefühl.

Hippotherapie (HTh)

Erstmals 1966 in der Schweiz von der Neurologischen Universitätsklinik in Basel eingeführt und fortan weiterentwickelt, stützt sich die Hippotherapie auf Erkenntnisse und Erfahrungen des entwicklungsneurologischen Behandlungskonzepts nach Bobath und Bobath sowie der Funktionellen Bewegungslehre nach Klein-Vogelbach. So stellt die HTh eine krankengymnastische Behandlung auf neurophysiologischer Grundlage mit dem Pferd dar. Das Pferd dient dabei als therapeutisches Medium, indem es seine Bewegungen im Schritt auf den Patienten überträgt. Hierdurch werden der Rumpf im Sitz geschult und gangtypische Vorwärtsbewegungen als Übungen für die Haltung genutzt. Balance und Gleichgewicht können durch feinste Koordination erzielt und trainiert werden.

Die Hippotherapie wird vom Arzt verordnet und von Krankengymnasten mit entsprechendem Weiterbildungsnachweis ausgeführt. Hierbei werden vom Therapeuten die Impulse, die das Pferd abgibt, mit den Bewegungsantworten des Patienten verändert und angepasst.

Indikationen & Kontraindikationen

Indikationen für die HTh sind neurologische, neuropädiatrische und orthopädische Erkrankungen, die auf Umständen beruhen, die vor und während der Geburt entstanden sind. Beispiele hierfür sind die Infantile Cerebralparese, Spina bifida oder neurologische Schädigungen des Zentralnervensystems nach vollständiger Ausreifung des Gehirns wie etwas Querschnittlähmung, Tetraparese oder Multiple Sklerose. Dabei werden nicht nur die Bewegungsstörungen behandelt, sondern spezielle Bewegungen geschult. Raum-Lage-Bewusstsein, Bewegungsplanung, Reaktionsfähigkeit, Geschicklichkeit, Körperbewusstsein und allgemeine Körperkontrolle werden durch die Frühförderung umfassend geschult und verbessert.

Bei Bewegungsblockaden, Übergewicht, Arthritis, Muskelhypotonie, fixierter Skoliose, fehlender Kopfkontrolle, Thrombosen, Epilepsie und Hüftschäden ist die HTh kontraindiziert. Auch Allergien gegen Tierhaare oder Heu sowie Phobien vor Pferden oder Tieren allgemein sprechen gegen dieses Therapiekonzept.

Bewegungsdynamische Abläufe

Der Sitz des Reiters dient in der HTh als Ausgangsstellung. Durch das Bilden eines Sitzdreiecks aus Sitzbeinhöckern, Schambeinästen und Ober- bzw. Unterschenkeln (Hartje, 2009) werden beim Patienten bestimmte Haltungspositionen hervorgerufen, die sich durch eine unterschiedliche Gelenkstellung von denen des normalen Reitersitzes unterscheiden. Hierbei haben Beine und Gesäß direkten Kontakt zum Pferd, die Gesäßknochen werden gleichmäßig belastet, das Becken wird in einer möglichst vertikal verlaufenden Achse aufgestellt. Der Oberkörper bleibt aufrecht, die Arme hängen locker am Körper herunter. Der Patient soll nicht aktiv auf das Pferd einwirken, sondern sich passiv tragen und bewegen lassen. Hierdurch werden die Bewegungen in seiner Frontal- und Transversalebene besonders stabilisiert, was sich positiv auf die Bewegungsbereitschaft der Lendenwirbelsäule auswirkt. Der Körper wird durch den Schwingungsimpuls, die Beschleunigungs- und Zentrifugalkraft positiv beeinflusst.

Die Grundgangart der HTh ist Schritt, nur selten wird getrabt, niemals galoppiert. Durch den Vorwärtsschub werden dabei kleine Extensions- sowie Flexionsbewegungen auf die Wirbelsäule ausgelöst, Oberkörper und Hüftgelenke stabilisiert.

Anforderungen an Mensch und Tier

Die Vorgaben der HTh stellen den begleitenden Therapeuten vor ein hohes Maß an Anforderungen. Gleichwohl fördert die Methode Bewegungsplanung, Reaktionsfähigkeit, Geschicklichkeit und seelisches Gleichgewicht des Patienten.

Ziele der Ausbildung des Pferdes für die HTh sind Training und Erhaltung seiner Tragkraft, die Sensibilisierung auf die Wirkung seiner Schwingungsimpulse auf den Reiter und das Erlernen von Gelassenheit. Ein HTh-Pferd muss aushalten und umsetzen können.

Die Hippotherapie ist in Deutschland bislang nicht anerkannt und muss aus eigenen Mitteln bestritten werden. Die bisherigen Studien für den Wirkungsnachweis versprechen positive Erfolgserlebnisse.

Heilpädagogische Reiten und Voltigieren (HpRV)

Das HpRV wird v.a. bei Kindern und Jugendlichen mit Problemverhalten eingesetzt. Es wird seit Mitte der 1960er-Jahre angewandt, basiert auf den Erkenntnissen der HTh und ist definiert als pädagogisches, psychologisches, psychotherapeutisches, rehabilitatives und sozio-integratives Angebot, das mit Hilfe des Pferdes bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Anwendung findet. Hierbei steht nicht die reitsportliche Förderung, sondern die individuelle Unterstützung aufgrund medizinisch positiv wirkender Indikationen im Vordergrund. Die günstige Beeinflussung von Entwicklung, Befinden und Verhalten des Patienten wird angestrebt. Der Mensch wird durch den Umgang mit dem Pferd, dem Reiten oder Voltigieren ganzheitlich (körperlich, emotional, geistig wie auch sozial) gefördert.

Indikationen & Kontraindikationen

Diese Therapieform zählt zum Bereich der Pädagogik und wird nicht von einem Arzt verordnet, sondern lediglich empfohlen. Besonders werden Kinder und Jugendliche mit grob- und feinmotorischen Beeinträchtigungen, Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen, Autismus, minimal zerebralen Dysfunktionen und Sprachstörungen mit dieser Therapieform behandelt. Auch Down-Syndrom, Lernbehinderungen und Sozialverhaltensstörungen sind Indikationsbereiche. Neben den bereits bei der HTh geschilderten Kontraindikationen kommen hier Ess- sowie Posttraumatische Belastungsstörungen, Angstzustände und Suizidalität hinzu.

Grundsätze

Basis der Therapie ist die Annahme, dass ein Grundbedürfnis des Menschen darin liegt, sich mit anderen Menschen und/oder Tieren zu beschäftigen. Da das Pferd fast immer artentsprechend, konstant und direkt reagiert, eignet es sich für die Umsetzung dieser Therapieform ideal. Die freundliche und vorurteilsfreie Zuwendung des Pferdes weckt die Motivation des Patienten und stärkt sein Selbstbewusstsein nachhaltig. Auch durchgestandene Angsterlebnisse können die Tiere ausgleichen und zu Gunsten des Patienten relativieren. Dabei wird das Pferd nicht nur als Reittier verstanden, sondern auch als Lehrer und Anschauungsmodell. Durch Beobachtung seines Sozialverhaltens lernt der Patient, wie man z.B. Kontakt- oder Annäherungsversuche unternimmt, sich in Gruppen verhält und mit einer vorliegenden Rangfolge umzugehen hat. Außerdem können Patienten beobachten, wie Pferde sich untereinander verhalten, helfen, sich pflegen und verständigen, und hieraus eigene Erfahrungen und Lernerfolge erzielen.

Bei der Therapie werden die Grundsätze des Reitens und Voltigierens vermittelt sowie die verschiedensten Bereiche von Körper und Teilbereiche des Therapeutischen Reitens (modifiziert nach Pauel und Urmoneit, 2015) Psyche angesprochen. Neben dem Schritt werden auch Trab und Galopp des Pferdes genutzt. Feinmotorik, Koordination, Balance und Geschicklichkeit werden ebenso geschult wie Vertrauen und sozio-integrative Bereiche. Die Kommunikationsfähigkeit wird nachhaltig verbessert.

Rahmenbedingungen für Mensch und Tier

Vom Therapeuten wird eine Ausbildung zum Reit- bzw. Voltigierpädagogen, Reittherapeuten oder zur staatlich geprüften Fachkraft für die Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd erwartet. Die Ausbildung des Pferdes beruht auf der Grundausbildung und zielt auf die besondere Beziehungsfähigkeit des Pferdes zum Menschen ab. Es muss zahm und verständnisbereit, zugeneigt und gehorsam sein. Des Weiteren sollte eine ständige Ausgleichsarbeit stattfinden, die es gesund erhält, seine Muskeln trainiert und seine Psyche stärkt. Die Übernahme der anfallenden Kosten erfolgt durch die Krankenkassen nur im Ausnahmefall.

Psychotherapie mit dem Pferd (PTh)

Die PTh stellt die jüngste Therapieform dar und geht aus dem Heilpädagogischen Reiten und Voltigieren hervor. Sie trägt deshalb besonders viele Elemente dieser Therapieform in sich und erfolgt auf ärztliche Verordnung. Eine einheitliche Definition existiert nicht; die PTh kann als Form der Psychotherapie, bei dem das Pferd zur Linderung oder Heilung psychischer Symptome einwirkt, der Aufarbeitung von Lebensereignissen oder der Bearbeitung innerpsychischer Dynamiken sowie deren Auswirkungen, verstanden werden. Dabei stehen die Wahrnehmung der eigenen Gefühle und die Selbsterfahrung mit den Tieren im Vordergrund. Sie zielt darauf ab, bei den Patienten Verständnis für ihre eigene Situation zu entwickeln und Kompetenzen aufzubauen, um die Einflussnahme auf das eigene Denken, Fühlen und Handeln zu ermöglichen. Geschult und stabilisiert werden sollen Körperwahrnehmung, sensorische Integration, Prozesskoordination und kognitive Fähigkeiten. Auch diese Therapieform basiert auf Respekt und Vertrauen zwischen Patient und Pferd.

Indikationen & Kontraindikationen

Indikationen sind akute und chronische Psychosen, Depressionen, Persönlichkeits- und neurotische Verhaltensstörungen, Ess- und Zwangsstörungen. Kontraindikationen liegen keine vor. Eine Kostenübernahme existiert trotz empirischer Überlieferung von Behandlungserfolgen nicht.

Rolle von Pferd und Therapeut

Das Pferd lindert in der Psychotherapie die krankhafte psychische Symptomatik des Patienten. Es fungiert dabei als emotionaler Spiegel und Vermittler. Das Hervorrufen positiver Gefühlerlebnisse steht für den Patienten im Vordergrund und verändert dadurch dessen Wahrnehmungsmöglichkeiten nachhaltig. Dies schafft Vertrauen und eine emotionale Verbindung, darüber hinaus vermittelt es Denkanstöße. Das Pferd muss daher eine allgemeine charakterliche Veranlagung und die Fähigkeit mitbringen, sich auf die verschiedensten Gefühlzustände von Patienten einstellen zu können. Auch besonders kleine Pferde sind für diese Therapieform geeignet, da das Reiten hier nicht im Vordergrund steht. Das Tier muss ein ausgeglichenes Temperament haben, gehorsam sein, Sicherheit und Vertrauen vermitteln. Der Therapeut spielt hierbei ebenso eine entscheidende Rolle für den Patienten, da er die Ereignisse reflektiert und zu diesen einen Bezug herstellt. Daher müssen seinerseits besondere Zusatzausbildungen nachgewiesen werden, u.a. Qualifikationen und Kenntnisse im Reiten.

Fazit

Pferdegestützten Interventionen können bislang nur auf wenige wissenschaftlich belegbare Ergebnisse zurückgreifen. Die bis jetzt beobachteten positiven Einflüsse sind allumfassend: Sie erreichen Körper und Geist des Patienten und ermöglichen ihm einen positiven Umgang mit seiner direkten Umwelt. Gleichwohl muss gewährleistet sein, dass dem Therapiepferd, an das so viele unterschiedliche Anforderungen gestellt werden, genügend Zeit zur Regeneration und zum Ausgleich zu Verfügung gestellt wird. Nur so kann sichergestellt werden, dass es weder über- noch unterfordert wird und auf lange Zeit gesund für den Menschen nutzbar bleibt.

Prof. Dr. med. vet. Heidrun Gehlen
Professorin an der Klinik für Pferde, Allgemeine Chirurgie und Radiologie der Freien Universität Berlin, Diplomate des European College of Equine Internal Medicine, Fachtierärztin für Pferde mit Zusatzbezeichnung Innere Medizin beim Pferd
heidrun.gehlen@fu-berlin.de

Antonia Sukowski
Absolventin B.Sc. Pferdewissenschaften an der FU Berlin und Studentin M.A. Sportbusiness Management
tonisukowski@web.de

Fotos: © Katja Hanzl / adobe.stock.com, © Air_Lady / adobe.stock.com, © cynoclub / adobe.stock.com

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