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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 01/2024

Fallstudie aus der Coaching-Praxis

Cover

Rückfallprophylaxe bei Alkoholsucht

Klientin

Die 70-jährige Klientin stellt sich mit einem Alkoholproblem vor. Sie beschreibt ihre jetzige Situation als stabil und bezeichnet sich als seit einiger Zeit trocken. Nach einem Klinikaufenthalt wolle sie nun weitermachen und sich vor einem Rückfall schützen.

Vorgeschichte

Die Klientin berichtet, dass ihr Thema nicht mehr zu ignorieren gewesen sei, nachdem sie in eine Polizeikontrolle geraten war und aufgrund der ermittelten Promillezahl zu einer MPU verpflichtet wurde. Der erste Schritt sei klar gewesen: ein Klinikaufenthalt zum Entzug und Therapie.

Nachdem die akute Abhängigkeit in der Klinik behandelt wurde, übernehme ich nun die weitere Beratung und Unterstützung zur Rückfallprophylaxe.

Schritt 1

Verbesserung der Lebenssituation Bei der Untersuchung des Lebenslaufs fällt auf, dass die Klientin, v.a. beruflich, viel geleistet hat und über Jahrzehnte in leitenden Funktionen an ihren Aufgaben gewachsen ist. Konflikte beschreibt sie im privaten Umfeld, und zwar im Umgang mit dem einzigen Sohn und der Schwiegertochter, was Einfluss auf den Kontakt zu ihren zwei Enkeln habe, die sie sehr liebe. Selbstvorwürfe und Selbstzweifel führen immer wieder zu Einbrüchen.

Die Klientin zeigt eine hohe Motivation, an sich zu arbeiten und das Verhältnis zu ihrem Sohn zu stabilisieren. Sie sieht klar, welchen Einfluss der Alkohol auf sie hatte und welche Belastung er auch für die Beziehung mit ihrem Sohn bedeutet. Mit dem Verhältnis zur Schwiegertochter verkompliziere sich alles, sagt sie. Diese übe viel Einfluss auf ihren Sohn aus und schotte ihn ab. So kämen kaum Gespräche zustande, obwohl sie sich sehr um einen positiven Kontakt bemüht habe, z.B. durch Einladungen zu gemeinsamen Unternehmungen.

Die Klientin wohnt mit ihrem Partner zusammen, hat aber noch eine Wohnung im Haus des Sohnes, die sie ihm überschrieben hat. Daher ist sie regelmäßig dort. Sie berichtet, dass mittlerweile auch die Enkel von ihr ferngehalten würden, indem sie deutlich gesagt bekämen, sie sollen nicht zur Oma gehen. Die Klientin hängt sehr am Haus und der Geschichte dahinter. Alles Einflüsse, die sie immer wieder zum Alkohol gebracht hätten und die auch jetzt noch unglaublich schmerzen würden.

Schritt 2

Ziele definieren Anfangs formuliert die Klientin, sie wünsche sich, dass sie wieder einen guten Kontakt zu ihrem Sohn und dessen Familie entwickeln könne. Ein wichtiger Klärungspunkt ist jedoch, dass dieses Ziel nicht den SMART-Kriterien entspricht. So kommen wir schrittweise zu der Einsicht, dass sie bloß Einfluss auf sich selbst, ihr Leben und ihre Entscheidungen hat, nicht aber auf andere. Außerdem nähern wir uns der Frage nach persönlichen Zielen, unabhängig davon, wie sich die Familie verhält. Dazu gehört z.B. Ruhe bewahren und in schwierigen Situationen aktive Entscheidungen zu treffen, anstatt in die Defensive zu gehen. Die Klientin erarbeitet ihren Rückzugsraum sowie stärkende Aktivitäten, die sie als Unterstützung für sich nutzen kann (z.B. ist Fahrradfahren für sie aufbauend).

Schritt 3

Ressourcen stärken Wir machen uns auf die Suche nach bereits vorhandenen sowie versteckten Ressourcen und sammeln diese sowohl in der Vergangenheit wie auch in der Gegenwart. Es kommt einiges zutage, wie so häufig auch viel Unerwartetes. So hat sie früher sehr gerne meditiert und die „5 Tibeter“ praktiziert. Auf beides hat sie große Lust, nutzt diese Möglichkeiten jedoch schon lange nicht mehr.

Die Übungsabfolge der 5 Tibeter hilft, sich morgens geistig und körperlich auf den Tag auszurichten und diesen für sich positiv zu gestalten. Das Programm stärkt den Körper und kann mit Meditationen verknüpft werden.

Außerdem legt die Patientin Wert auf gesunde Ernährung und gepflegtes Aussehen.

Beeindruckend ist für mich, dass die Klientin schon nach kurzer Zeit „aufblüht“. Sie scheint Kraft, Mut und Selbstbewusstsein zu tanken.

Ressourcensuche mittels Systembrett

Wir verwenden das Systembrett, um einen Überblick zu systemischen Bezügen zu erlangen. Später arbeiten wir mit den persönlichen Eigenschaften, die sie beruflich zur Führungskraft befähigt haben. Mehr und mehr kommen

starke Eigenschaften in Form von Figuren auf das Brett, und wir arbeiten heraus, was davon für die aktuelle Familiensituation nützlich sein könnte. Zwei Hauptaspekte sind „Klarheit“ und „den Überblick bewahren können“. Allein die hilfreichen Eigenschaften auf dem Brett zu betrachten, lässt die Klientin innerlich erstarken. So erlebt sie ihre Gestaltungsmöglichkeiten und fühlt sich immer weniger ausgeliefert.

Wir vereinbaren, dass sie mit ihrer Präsenz experimentieren soll. Bisher neigt die Klientin dazu, sich im Haus des Sohnes in ihrer eigenen Wohnung zu verstecken, aus Angst vor Ablehnung und Scham. Nun fasst sie den Mut, auszutesten, wie es sich anfühlt, auf der Terrasse in der Sonne zu sitzen und z.B. zu lesen (eine weitere Ressource). Anfangs ist das für sie anstrengend und etwas schwierig, jedoch fühlt es sich schon bald selbstbestimmter und frei an. Sie stellt sich der Herausforderung und merkt, dass ihr letztlich nichts passiert und dass sie das ständige Zurückziehen sehr klein gemacht und viel Kraft gekostet hat.

Auch mit aktuellen Herausforderungen geht sie nun konstruktiv um. So entwickelt sie u.a. mit ihrem Partner die Grundsatzregel „Kein offener Alkohol im Haus“.

Ausblick

An diesem Punkt angekommen, scheint die Klientin gefestigt und gestärkt. Wir beenden die gemeinsame Arbeit nach vier Monaten.

Zu diesem Zeitpunkt hat die familiäre Situation für sie nicht mehr wie zu Anfang höchste Priorität. Dieser Aspekt ist weiter nach unten gerutscht, nicht zuletzt weil sie inzwischen ihre Haltung und sich selbst in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt. Weitere sechs Monate später berichtet sie mir schriftlich, dass sie die MPU bestanden habe und sich weiterhin stabil und rundum wohl fühle. Das Verhältnis zu ihrer Familie hat sich mittlerweile verbessert, die Patientin spürt diese Dynamik und kann sich inzwischen auch freier machen von den Vorgängen im Haus ihres Sohnes.

Fazit

Ressourcenarbeit und Selbstwertstärkung sind in diesem Fall der Hauptfokus der gemeinsamen Arbeit gewesen. Die Klientin schaut nun mutig und mit mehr Selbstvertrauen in die Zukunft und ist sich ihres eigenen Einflussbereichs bewusster.

Kati Kumschlies
Heilpraktikerin für Psychotherapie mit Praxis in Regensburg, Schwerpunkt: Systemische und kognitive Verfahren, Dozentin an den Paracelsus Gesundheitsakademien
info@praxis-kumschlies.de

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