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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 01/2024

Fallstudie aus der tierheilkundlichen Praxis

Cover

Stoffwechselprobleme beim Pferd

Patient

Die 15-jährige Stute „Joy‘s Morning Star“ (Rappe, Tennesse Walking Horse) weist seit einigen Wochen Fetteinlagerungen im Halsund Kruppenbereich, Dellen in der Muskulatur und Muskelverspannungen auf, sie ist missmutig und widersetzt sich. Es kommt regelmäßig zu Problemen im Bereich der Hinterhand (Verhärtungen, schmerzhafte Verspannungen, gesamte Hüftregion in Wendungen steif).

Anamnese

Joy‘s ist seit ihrer Geburt im Besitz der Züchterin. Sie war ein extrem langbeiniges, instabiles, stark durchtrittiges Fohlen und benötigte zunächst Unterstützung beim Aufstehen und Gehen. Von Beginn an zeigte sie sich extrovertiert, dem Menschen zugewandt, anderen Pferden gegenüber dominant, teils aggressiv. Mit 1,5 Jahren stürzte sie schwer. Die Tierärztin und Osteopathin korrigierte eine Blockade am Brustbein und einen Hüftschiefstand. Zweijährig kamen Knieprobleme hinzu, die osteopathisch korrigiert wurden. Daher wurde die Stute erst mit 5 Jahren angeritten und ausschließlich im Freizeitsport eingesetzt (angepasster Maßsattel, gebisslos).

Joy’s wird in der Paddockbox gehalten; im Winter mit ganztägigem Weidegang, im Sommer steht sie 24 Stunden auf der Weide. Fütterung mit Heu, Stroh und Mineralfutter. Bei der Arbeit werden kleine Mengen Kraftfutter gegeben. Die Stute lebt mit drei Gangpferden, in der Herde zeigt sie sich ranghoch. Im Blutbild sind Triglyceride, Glukose, AST, LDH, CK und Insulin erhöht, erniedrigt sind Zink und Selen. Laut Tierarzt zeigt sich das Bild einer Störung des Zuckerstoffwechsels in der Muskulatur (Verdacht auf Polysaccharid-Speichermyopathie, PSSM) mit Beteiligung der Leber.

Untersuchung und Diagnostik

Joy‘s wirkt laut Besitzerin seit einigen Wochen missmutig und müde. Im Kruppenbereich zeigt sich eine Farbveränderung des Fells von schwarz zu rötlich. Deutlich sicht- und tastbar sind verhärtete Muskelpartien im Hals- und Rückengebiet, die Hüftregion ist schmerzhaft, die Hinterhand steif. Das Pferd möchte nicht traben, schwitzt bei geringster Anstrengung und äußert seinen Unmut. Die Gliedmaßen sind ab Karpal-/Tarsalgelenk auffallend kalt.

Im Rahmen der TCM-Diagnostik zeigt die Stute deutliche Reaktionen auf die Shu-Punkte im Funktionskreis Leber/Galle (Bl 18, Bl 19), ebenso auf dem Mo-Punkt der Leber (Le 14). Der Ting-Punkt Le 1 ist aufgequollen. (Pferde besitzen keine Gallenblase, der energetische Bezug ist jedoch vorhanden.)

Das Pferd trinkt viel, Kot- und Urinabsatz sind normal. Es bestätigt sich der Verdacht einer Stoffwechselerkrankung mit Leber-Beteiligung und starker Symptomatik der Muskulatur.

Therapie

Während des ersten Termins erhält Joy´s eine Akupunkturbehandlung (Bl 18, Bl 19, Le 14) zur Harmonisierung der Leberfunktion und Stärkung des Leber-Blutes. Da die Leber in der TCM eine starke Beziehung zu Ärger, Zorn und Wut besitzt, ist hiermit auch die Verhaltenssymptomatik abgedeckt. Bl 19 unterstützt die Leber, klärt Hitze, wandelt Feuchtigkeit um und wirkt schmerzstillend. Die Stute nimmt die erste Behandlung hervorragend an, entspannt zusehends und zeigt sich zufriedener. Nach einer TCM-Auswertung der Gesamtsymptomatik vier weitere Behandlungen im Abstand von jeweils 1-2 Wochen.

Ich rate, eine Physiotherapeutin zu kontaktieren, und empfehle tägliche moderate Bewegung. Daneben wird die Fütterung umgestellt: begrenzter Weidegang, höhere Gaben Raufutter statt Gras, wenig Kraftfutter, ergänzt mit Vitamin E, Leinöl, Selen und Zink. Phytotherapeutische Unterstützung erfolgt mit Weidenrinde, Mädesüß, Mariendistel und Ginkgo als Futterzusatz.

Verlauf

Schon die erste Akupunktur und die Gabe der Phytotherapeutika bewirken eine deutliche Veränderung. Joy´s zeigt sich zugewandter und motivierter. Sie entspannt deutlich im Bereich der Hinterhand und das Vollführen von Wendungen gelingt ihr zunehmend leichter.

Im Rahmen der nächsten Akupunktur-Behandlungen wird auf eine Harmonisierung von Stoffwechsel und Bewegungsapparat abgezielt, u.a. über Gb 34 (Meisterpunkt Muskulatur), LG 3 und Gb 29 (Hüftregion) sowie Di 4 und Bl 60 (Meisterpunkt Rücken), des Weiteren Le 3 und Le 4 (Beseitigung des Füllezustands in der Leber-Leitbahn).

Ab dem dritten Akupunkturtermin ist die Reaktion auf Le 14 verschwunden. Die Muskulatur ist nach sechs Wochen Behandlung deutlich weicher. Spannungszustände sind weitgehend verschwunden. Nach einigen Wochen Bodenarbeit soll das moderate Reiten wieder aufgenommen werden. Die Laborkontrollen zeigen acht Wochen nach Behandlungsbeginn erste Verbesserungen, v.a. der Leberwerte.

Die Begrenzung des Weidegangs hingegen belastet Joy´s deutlich. Um ihr die Umstellung zu erleichtern, wird mit Bach-Blüten gearbeitet: Beech, Willow, White Chestnut, Walnut.

Ausblick

In Ergänzung mit weiteren Therapieverfahren kann die Stute gut unterstützt werden. Die Verdachtsdiagnose PSSM steht nach wie vor im Raum. Bei Pferden mit dieser Diagnose ist eine Konsequenz bezüglich Ernährung, Haltung und Bewegung wichtig, ebenso ein aufmerksamer Blick für Veränderungen und die direkte Reaktion auf Anzeichen einer Verschlechterung. Es sollten regelmäßige Kontrollen des Blutes erfolgen. Da bei Joy´s alle Voraussetzungen gegeben sind, darf hier vorsichtig positiv prognostiziert werden.

Fazit

Die Behandlung einer nicht heilbaren Erkrankung wie PSSM stellt auch Fachpersonal vor erhebliche Herausforderungen. Durch die positive Reaktion des Pferdes v.a. auf Akupunktur und aufgrund der Erfahrung und Umsicht der Besitzerin wird Joy‘s aller Voraussicht nach unter Einsatz der verschiedenen Therapiemaßnahmen ein weitgehend artgerechtes Pferdeleben führen können.

Tanja Erlei
Tierheilpraktikerin, Dipl.-Pädagogin und Burnoutberaterin, Dozentin an den Paracelsus Gesundheitsakademien
tanja@schoenborner-muehle.de

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