Übersicht dieser Ausgabe    Alle Paracelsus Magazine

aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 01/2024

Alarm im Darm!

Cover

Colitis ulcerosa in der ganzheitlichen Praxis

An chronischen Darmentzündungen erkranken in Deutschland und anderen westlichen Industrieländern immer mehr Menschen. Experten schätzen, dass bundesweit rund 300000 Menschen an solchen Problemen leiden. Nicht nur Erwachsene, sondern zunehmend auch Kinder sind von Darmentzündungen betroffen. Die Erkrankungen beginnen meist mit allgemeinen Beschwerden wie Durchfall oder Abgeschlagenheit. Bis klar ist, dass dahinter eine schwere Krankheit steckt, vergeht oft viel Zeit. Hinzu kommt, dass in unserer Gesellschaft vieles, was mit Verdauung und Stuhlgang zu tun hat, als peinlich gilt. Aus Scham ignorieren zahlreiche Patienten ihre Beschwerden. Welche komplementären Methoden die schulmedizinische Medikation bei Colitis ulcerosa unterstützen können, erfahren Sie in diesem Artikel.

Differentialdiagnose

Colitis ulcerosa (CU) Eine mit Geschwüren (ulcera) verbundene Entzündung (itis) des Dickdarms (Colon). Als Folge leiden die Patienten unter blutig-schleimigen Durchfällen und müssen in akuten Krankheitsschüben jede Stunde zur Toilette. Ist ein Schub überstanden, gibt es auch Phasen, in denen die Entzündung abklingt.

Morbus Crohn (MC)

Diese Darmentzündung kann den gesamten Verdauungstrakt erfassen, konzentriert sich aber meist auf den unteren Dünndarm. Im Laufe der Krankheit werden die betroffenen Darmabschnitte oft durch Verengungen oder Durchbrüche weiter geschädigt.
Beide Darmkrankheiten sind selbst für Experten oft nur schwer zu unterscheiden, weil sie sehr ähnliche Beschwerden verursachen. Sie können Begleiterkrankungen auslösen, die durch Überreaktionen des Immunsystems entstehen, z.B. Gelenkentzündungen, Entzündungen der Haut und Augen.

Schulmedizinischer Zugang

Die CU gilt in der Schulmedizin als nicht heilbar. Es stellt sich jedoch die Frage: Was ist eigentlich Heilung? Aus Sicht der Schulmedizin die Beseitigung der Symptome, in der ganzheitlichen Betrachtung die Auflösung des der Krankheit zugrunde liegenden Musters. Die Schulmedizin hat verschiedene Behandlungsmethoden, die den Symptomverlauf positiv beeinflussen und die Lebensqualität der Betroffenen verbessern können. Colitis ulcerosa wird hauptsächlich mit zwei Medikamenten behandelt: Aminosalizylaten (5-Aminosalizylsäure, 5-ASA, Wirkstoff: Mesalazin) und Kortikoiden. Darüber hinaus werden Präparate eingesetzt, die die Aktivität des Immunsystems dämpfen.

Ganzheitliche Vorbetrachtung

Seit Beginn meiner Heilpraktiker-Tätigkeit hat mich der Satz von Samuel Hahnemann (Begründer der Homöopathie) begleitet: „Wenn wir krank sind, dann ist unsere Lebenskraft verstimmt.” Wie ein Musikinstrument schwingen wir in unserer eigenen Frequenz; sind wir gesund, dann kraftvoll und harmonisch, im Krankheitsfall dissonant und verzerrt. Wir sagen auch, dass wir „nicht in Stimmung“ sind oder dass etwas „nicht stimmig“ ist. Wenn

uns etwas buchstäblich aus der Bahn wirft, verändert sich unsere natürliche „Symphonie“. Wir sind dann nicht mehr in Ordnung. Erst in diesem Kontext kann sich eine körperliche Symptomatik entwickeln. Das gilt auch für das Krankheitsbild der CU.

Rolle der Psyche

Welche Rolle die Psyche bei der Entstehung chronischer Darmkrankheiten spielt, wird von Gesundheitsexperten unterschiedlich bewertet. Laut Schulmedizin lösen psychische Traumata CU nicht aus. Allerdings hat die psychische Gesundheit Einfluss auf den Krankheitsverlauf. Auch Trennungsängste und starke Abhängigkeitsverhältnisse kommen bei CU-Patienten häufiger vor. Deshalb beschäftige ich mich in meiner Praxis im Rahmen der Anamnese auch mit den Lebensumständen meiner Patienten und etwaigen Ereignissen während des Zeitraums, in dem die CU erstmals aufgetreten ist.

Persönlichkeit des CU-Patienten

Gemäß dem Verhaltensbiologen Wolfgang Ittner ist der CU-Patient häufig ein Mensch, der sich an Schlüsselpersonen anlehnt, sich Führungspersönlichkeiten als Beziehungspartner sucht und sich gerne unterordnet, auch wenn es manchmal nicht leicht ist. Diese Menschen bekommen schon Angst und Bauchschmerzen, wenn es in der Beziehung mit ihren Schlüsselpersonen kriselt. Sie verspüren kaum aggressive Regungen und fahren selten aus der Haut, sind mutlos und reagieren depressiv, wenn sie eine Niederlage erlitten haben. In solchen Fällen möchten sie sich verkriechen und nur noch schlafen, damit alles schnell vorbeigeht. Bei Verlusten brechen sie zusammen und reagieren dann mit Gefühlen der Hilf- und Hoffnungslosigkeit, aus denen sie kaum herauszuholen sind. Zu seinen 1-2 Schlüsselpersonen unterhält der CU-Patient eine sehr enge, fast symbiotische Beziehung, die man auch unter dem Begriff „emotionale Abhängigkeit” einordnen könnte. Dieses Muster ist aus der Kindheit übernommen und entstammt der Mutter-Kind-Beziehung.

Mütter von CU-Patienten werden häufig als dominant bis herrschsüchtig beschrieben, die in einer überbetonten Weise Kontrolle über ihre Kinder ausüben. Diese Frauen können geschäftstüchtig, aktiv und zupackend erscheinen, doch eine tiefe Unzufriedenheit mit sich selbst durchzieht ihre Persönlichkeit – eine Unzufriedenheit, die perfektionistische Tendenzen nur schwach verhüllen können. Die hohen Erwartungen, die diese Mütter an sich selbst haben, stellen sie auch an ihre Kinder – diese können sie aber genauso wenig erfüllen wie die Mutter.

Es fällt solchen Müttern schwer, ihren Kindern Liebe zu geben. Vor allem weibliche CU-Patienten beschreiben ihre Mütter als streng, kühl, lieblos und bestrafend. Kinder erleben sich deshalb selbst als klein und minderwertig, ihre Mütter mit den unerfüllbaren Ansprüchen jedoch als omnipotente Überwesen. Da Kinder sich in einer solchen Erziehungssituation schwertun, ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln, fühlen sie sich einem Leben außerhalb der Einflusssphäre dieser Übermütter oft nicht gewachsen. Die Konstellation Angst und Abhängigkeit verhindert bei ihnen jenen emotionalen Reifeprozess, der nötig wäre, um auf eigenen Füßen zu stehen. CU-Patienten leiden in der Regel an einem lädierten Selbstwertgefühl, verbunden mit der Angst, „es allein nicht schaffen“ zu können. Dies zwingt sie, nach Personen (Schlüsselfiguren) Ausschau zu halten, denen sie sich fügen können und die sie versorgen.

Ursachen und Einflussfaktoren

Häufig sehen wir, dass bestimmte Ereignisse, Lebensumstände oder Verhaltensweisen zum Ausbruch einer Krankheit führen. Dies gilt ganz allgemein, somit auch für die CU und andere entzündliche Darmerkrankungen. Nachfolgend Beispiele möglicher Ursachen, Auslöser und Faktoren, die die Erkrankung negativ beeinflussen können:
• Emotionale Belastungen (z.B. Ängste, Traumata, Kummer, Erniedrigung und Mobbing, Trennung und Tod nahestehender Personen, Verlust des Arbeitsplatzes)
• Umweltbelastungen (z.B. durch Materialien, Strahlung und Elektrosmog, Schwermetalle, Medikamente, Trinkwasser, Nahrung, Pestizide)
• Spezifische auslösende Ereignisse (z.B. Operationen, Krankenhausaufenthalt, Medikamente oder Impfungen)
• Stress und Überlastung
• Alkohol, Nikotin, Drogen und andere „Genussgifte“
• Mangelernährung inkl. Mikronährstoffdefizite und Flüssigkeitsmangel
• Unzureichende Bewegung
• Störherde (z.B. chronische Entzündungen, Narben, tote Zähne)

• Allergien und Unverträglichkeiten (z.B. gegen Gluten, Fruktose, Laktose)
• Darmdysbiose (z.B. durch Antibiotika)

Ganzheitliches Behandlungskonzept

• Ursache bzw. Auslöser der Erkrankung ausfindig machen und beheben
• Belastungen durch Lebenssituation sowie krank machende Umstände ausschalten
• Allgemeinen Gesundheitszustand und die Abwehrkräfte stärken (u.a. mit Darmsanierung)
• Mangelzustände beseitigen (u.a. Ernährungsberatung, Mikronährstofftherapie)
• Körper entgiften (z.B. mit Heilerde, Vulkanerde)

Einsatz der Homöopathie

Wenn ich von einer „Verstimmung der Lebenskraft“ geschrieben habe, so ist die Homöopathie nach meiner Erfahrung ein entscheidender Faktor in der Behandlung des CU-Patienten. Ich gebe meinen Patienten das für sie in Frage kommende Mittel zunächst in die Hand. Danach überprüfe ich kinesiologisch, ob es tatsächlich hilfreich und auch aktuell ist (ggf. muss zunächst ein „Türöffner“ eingesetzt werden). Tab. 1 gibt einen Überblick, welche Mittel im Rahmen einer CU-Behandlung zum Einsatz kommen könnten. Dabei handelt es sich lediglich um eine Auswahl. Wie bei jedem Krankheitsbild sind die individuellen Symptome des Patienten zu berücksichtigen und oft entscheidend bei der Mittelauswahl.

Neben der Gabe von homöopathischen Mitteln und einer fachgerechten Therapie auf körperlicher Ebene (Regeneration, Kräftigung, Entgiftung) ist auch an die Einbeziehung des Seelenlebens zu denken.

Hypnose

Mit der Hypnosetherapie tauchen wir in das Unterbewusstsein des Patienten ein und reisen, um nur ein Beispiel zu nennen, zu seinem früherem Selbst, das bestimmte belastende oder traumatisierende Erlebnisse hatte. Der Patient kann nun mit diesem früheren Selbst in Kontakt treten und ihm z.B. das geben, was es damals gebraucht hätte: Trost, Umarmung, Überwindung von Einsamkeit, die Sicherheit, dass das Leben weitergeht etc. Es ist immer wieder erstaunlich, wie bewegend diese Begegnungen besonders im hypnotischen Zustand ausfallen. Ich nenne diesen Vorgang „Befreiung aus der Zeit”, denn ein Teil der Person war in einer Phase seiner Lebenszeit gefangen. Das Problem wird somit an der Wurzel angepackt.

Daneben wende ich eine Vielzahl therapeutischer Interventionen an. Beispiele dafür sind u.a. „Der sichere Ort“, „Baum des Lebens“ (gibt dem Klienten alles, was er braucht), Entspannungsreisen, Desensibilisierung (sich dem belastenden Thema schrittweise nähern), Verbindung mit seiner besten Version.

Was in langen Gesprächen oft nicht möglich ist, lässt sich in der therapeutischen Trance oft in erstaunlich kurzer Zeit und auf sehr angenehme Weise realisieren. Im Grunde geht jeder Patient mit einem Lächeln nach Hause.

Familienstellen

Als Heilpraktiker beschäftige ich mich seit über 37 Jahren mit den Ursachen von Störungen und Erkrankungen. Schon früh zeigte sich, dass diese häufig „übernommen“ werden, mit anderen Worten: Ereignisse und Schicksale früherer Generationen können in unsere heutige Existenz hineinwirken und unsere Gefühle, unser Erleben, unser Leben und unsere Gesundheit teils massiv beeinflussen. Ähnliches gilt für Ereignisse unserer jetzigen Existenz, die nicht verarbeitet wurden bzw. nicht „in Ordnung“ sind. Bei der Familienaufstellung arbeite ich fast ausschließlich mit menschlichen Stellvertretern.

Fallstudie

Samira (34 Jahre) leidet an CU. Die Symptomatik hat vor drei Jahren begonnen. Nachdem sie lange darauf gehofft hat, dass die Durchfälle von allein verschwinden, ist sie schließlich zum Arzt gegangen, der CU diagnostiziert. Seitdem wird sie konventionell behandelt. Es kommt jedoch immer wieder zu neuen Schüben.

Im Rahmen der Anamnese erfahre ich, dass weitere weibliche Familienmitglieder mit derselben Erkrankung leben, Samiras Mutter und Tante. Ende der 1990er-Jahre erhielt die Familie Asyl in Deutschland, nachdem ihr Dorf in der Heimat zerstört worden und sie weiteren Verfolgungen ausgesetzt war. Auf meine Frage, ob es vor drei Jahren besondere Ereignisse gegeben habe, fällt ihr außer „Stress in der Arbeit“ nichts ein, aber das sei nichts Besonderes, denn Stress sei sie gewohnt. Allerdings sei die geliebte Oma im Jahr zuvor gestorben, weswegen sie lange traurig gewesen sei.

Neben den CU-typischen Symptomen finden sich keine Auffälligkeiten.

Behandlungsverlauf

Ich teste kinesiologisch das homöopathische Mittel Ignatia (Beschwerden durch Tod eines geliebten Menschen, Durchfälle aus Angst, Charakter passend) in der Potenz LM 6. Zwar denke ich auch an Pulsatilla, mit dem ich schon einigen CU-Patienten helfen konnte, aber das ist vom Temperament her nicht passend und testet auch negativ. Ein gutes Beispiel dafür, dass wir die Mittel nicht gegen eine Krankheit einsetzen, sondern um das verlorene Gleichgewicht des Patienten, seine aus den Fugen geratene Ordnung wiederherzustellen. Ohne große Erstreaktion klingen die CU-Symptome bei Samira in kurzer Zeit ab. Ihre normale Verdauung kehrt mehr und mehr zurück.

Ich schlage vor, das „Krankheitsmuster“ im Rahmen einer Aufstellung weiter zu untersuchen (familiäre Häufung der CU), denn Kinder und Enkel, ggf. noch spätere Generationen, übernehmen häufig Traumata früherer Generationen (Stichwort: Kriegsenkel). Tatsächlich finden wir ein nicht bewältigtes Trauma in der weiblichen Ahnenreihe mehrere Generationen zuvor (Tod durch Gewalt). Auch Samira erlebte Gewalt und Angst in ihrer Kindheit, aber entscheidend für die Reaktivierung des Musters und die Krankheitsentstehung war offenbar der Verlust der Großmutter. Wir können diese Verstrickung lösen, indem wir das Thema symbolhaft an die Person zurückgeben, bei der das Trauma ursprünglich aufgetreten ist.

Auch der „Verlust der Heimat“ wiegt schwer und wird in einer weiteren Aufstellung thematisiert, obwohl dieser Faktor nicht der CU zuzuordnen ist. Dennoch stabilisiert sich der Gesundheitszustand der Patientin dadurch weiter. Sie bleibt symptomfrei und spürt nun mehr Energie und Lebensfreude. Schließlich erhält sie wieder Kontakt zu ihren Wurzeln.

Ausblick

Samira geht es weiterhin gut. Ignatia nimmt sie nur noch wöchentlich, wir wechseln zur Potenz LM 12, später LM 24 (kinesiologisch jeweils ausgetestet). Nach einigen Monaten führen wir eine Hypnose-Sitzung mit dem Thema „Verbindung zum Inneren Kind“ durch. In dieser Sitzung kommt sie in tiefen Kontakt mit ihrem jüngeren Selbst, das Gewalt und Vertreibung erlebt hat, und kann diesem Anteil von sich Heilung bringen. Durch diese Sitzung erfährt sie viel Entspannung, und es gelingt ihr im Alltag zunehmend, (auch selbst verursachten) Stress, v.a. im Beruf, abzubauen. Wir verbleiben, dass sie sich meldet, falls sie wieder Unterstützung benötigt.

Fazit

Die rein körperliche Ebene ist bei einem komplexen Krankheitsbild wie Colitis ulcerosa nicht außer Acht zu lassen und entsprechend zu behandeln. Stand der Wissenschaft spielen genetische Ursachen hier eine wesentliche Rolle, doch zeigt die Forschung der Epigenetik auch, dass wir Einfluss auf unsere Gene haben bzw. bestimmte Faktoren wie Traumatisierungen Veränderungen der Gene hervorrufen können. Inzwischen ist klar: Gene steuern nicht nur, sondern sie werden auch gesteuert. „Traumata sorgen nicht nur für Narben in der Seele, sondern auch für Narben im Erbgut“, veranschaulicht der Depressions-Forscher Florian Holsboer die epigenetischen Markierungen. Wenn diese Narben auch im Erbgut der Keimzellen sind, werden sie sogar weitervererbt, wie Epigenetiker herausgefunden haben. Von daher macht es Sinn, dem nachzugehen, wann und bei wem die Narben (in der Familienhistorie) entstanden sind – z.B. mit Hilfe der Aufstellungsarbeit. Colitis ulcerosa bedarf daher einer ganzheitlichen Betrachtungsweise und eines Zusammenspiels verschiedener Zugänge, dann kann für Betroffene vieles in Bewegung gebracht werden.

Jörg Pantel
Heilpraktiker, Hypnose-Master, Schwerpunkte: Familien- und Organisationsaufstellungen pantel@muenster.de

 

zurück zur Übersicht dieser Ausgabe
Paracelsus SchulenWir beraten Sie gerne
Hier geht's zur Paracelsus Schule Ihrer Wahl.
Menü