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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 01/2024

Warum uns die wilde Kindheit früher schützte

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Damals, als ich noch ein Kind war, schickten mich meine Eltern raus in den Stadtwald. Es war irgendwie klar, dass ich zum Abendessen wiederkam. Es war aber nicht klar, wie. Naja, als Junge halt, der mit seinem Fahrrad Dinge tat, die man eben so macht: Sprünge über umgefallene Bäume und matschige Bachläufe, vom Fahrrad abspringen und wieder drauf hüpfen bei voller Fahrt. Und natürlich mit aufgeschürften Knien, um die sich kein Mensch scherte. Dann waren halt die Kniestrümpfe blutig, aber die kamen abends eh in die Wäsche. So ging es nicht nur mir, die ganze Kinderclique war dabei. Kein Mensch hätte damals angenommen, dass unser körpereigenes Immunsystem auf den irrwitzigen Gedanken kommen könnte, sich gegen uns selbst zu wenden: killed by friendly fire.

Wenn ich heute die Spielplätze meiner Kindheit besuche, sehe ich die Helikopter fliegen. Sie umflattern ihre Kinder und passen auf sie auf, als ob sie das nicht selber könnten. „Fall nicht hin!“, ist so ziemlich der Gipfel, und dann kommt noch der Satz, in der Hocke gesprochen, der Vortäuschung von Augenhöhe: „Da ist Papa aber traurig!“. In der 3. Person Singular! Als wäre er der Cäsar, der Kaiser der Familie, der er aber schon lange nicht mehr ist. „Pater familias“ hieß das in der klassisch lateinischen Diktion; danach war es Papas Aufgabe, dafür zu sorgen, dass es den Kindern gut ergehe und nicht umgekehrt.

Was ist nun die Aufgabe unseres Immunsystems? Uns zu schützen und zu reparieren, wenn wir uns körperliche Verletzungen zuziehen, die im Leben nicht zu vermeiden sind. Es steht in den Startlöchern und scharrt mit den Hufen, mit einer To-do-Liste in der Hand, die abgearbeitet werden muss. Ziel ist, uns zu trainieren und fit zu machen für das große Rennen namens Leben. Und wenn es nichts zu tun gibt, weil wir ständig umflattert werden? Dann wird es griffig und legt los – Training muss schon sein. Dabei sind Allergien noch der mildere Angriff, die sind spezifisch und noch im Zaum zu halten. Das sind die Probekämpfe eines unterforderten Systems, wenn auch gegen Birkenpollen und Gräser. Bei den Lebensmitteln wird es anstrengender. Den Rekord hielt eine Patientin mit mehr als 60 Allergien und Unverträglichkeiten. Wenn die periphere Toleranz nicht trainiert werden kann, muss eben die zentrale Toleranz dran glauben.

Was kann man sonst noch alles angreifen? Der Körper ist ja ein Schlaraffenland! Kollagene überall, Drüsen, Gelenkskapseln, Schleimhäute, Nervenhüllen. Die kann man zur Probe mal zersetzen. Sonst kommt das System ja gar nicht mehr dazu, sich zu trainieren, zu erfahren, wie Verteidigung geht. Lupus erythematodes, Sklerodermie, Akutes rheumatisches Fieber (immunologische Kreuzreaktion mit allgegenwärtigen Streptokokken), M. Sjøgren, Psoriasis, Multiple Sklerose, M. Crohn, Hashimoto und wie sie alle heißen. Viele Autoimmunreaktionen kommen bei Frauen häufiger (>70%) und ausgeprägter vor als bei Männern („Laura, fall nicht hin, sonst ist Papa aber traurig!“ – Ja, was soll sie denn machen?!). Aber unsere Söhne holen schon auf. 5-10% der Bevölkerung leiden heute an Autoimmunerkrankungen.

Wir Heilpraktiker und alle in der Komplementärmedizin Tätigen haben nun die Aufgabe, das Immunsystem wieder auf den Pfad der Tugend zurückzuführen und ihm beizubringen, nur noch das anzugreifen, was uns auch wirklich gefährlich werden kann: Viren, Bakterien und sonstige Parasiten. Doch das ist leichter gesagt als getan. Sag doch mal einer den marodierenden Leukozyten, sie sollen das gefälligst bleiben lassen. Welche Sprache müssen wir da sprechen? Konventionell geht es nicht, das haben andere schon versucht und nannten es Kortison oder Immunsuppression. Seit 2021 wird an der Entwicklung einer mRNA-Therapie gearbeitet. In der Kommunikationstheorie heißt das: Mehr desselben. Hat noch nie funktioniert, aber vielleicht ja diesmal.

Mir fallen zwei völlig verrückt erscheinende Therapien ein: 1. die Akupunktur aus der TCM und 2. die Therapie mit Spinnen-, Schlangenund Krötengiften, die meist aus Wüsten oder dem tropischen Regenwald kommen (soweit ich weiß, gibt es da keine Autoimmunerkrankungen). Zwar wirken die Methoden, doch da ein hinreichendes Erklärungsmodell fehlt, fallen sie ganz oder weitestgehend aus der von den Krankenkassen finanzierten evidenzbasierten Medizin (EBM) raus.

Der leidende, aber leider GKV-versicherte Mensch hat deshalb nur zwei Möglichkeiten: 1) selber zahlen mit dem mühsam erarbeiteten Geld oder 2) selber zahlen mit der mühselig erworbenen Lebenserfahrung. Auf die harte Tour. So groß ist der Unterschied zwischen selber zahlen und selber zahlen gar nicht? Habe ich auch nicht gesagt. Wer behauptet denn, dass das Leben einfach ist? Damit müssen wir auch erst einmal fertig werden.

Thomas Schnura
Psychologe M.A., Heilpraktiker, Dozent
Thschnura@aol.com

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