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aus dem Paracelsus Magazin: Ausgabe 01/2024

Der hyperaktive Hund

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Behandlungsansätze aus dem Ayurveda

Die Psyche des Hundes ist wie bei uns Menschen individuell veranlagt und trainierbar. Manche Hunde entspannen schneller, manche schwerer. Es gibt aber auch eine „echte“ pathologische Hyperaktivitätsstörung mit fehlerhaftem Dopamin-Haushalt. Dabei wird der Neurotransmitter Dopamin schneller als üblich im Gehirn abgebaut. Konzentration, Entspannung und Impulskontrolle werden so zu einer wahren Herausforderung. Ayurveda kann helfen, die Balance, Konzentrations- und Kontrollfähigkeit zu stärken, sodass dem Hund mehr innere Ruhe geschenkt wird.

Hyperaktivität aus Sicht der Ayurveda-Lehre

Sowohl die „echte“ Hyperaktivitätsstörung des Hundes als auch die physiologische, konstitutionsbedingte leichtere Reizbarkeit und erhöhte Nervosität mancher Hunde werden im Ayurveda (Traditionelle Indische Heilkunde) als Ausdruck einer Akkumulation des Vata-Dosha (Elemente Luft und Äther) und unausgeglichenem Rajas (übermäßiger Aktionismus) im Geist betrachtet.

Das Vata-Dosha (Bewegungsprinzip im Körper) wird definiert durch sieben Eigenschaften: beweglich, subtil, leicht, trocken, rau, nicht schleimig, kalt. Vata sorgt für die Verarbeitung von Sinneseindrücken, Reflexreaktionen und die Weiterleitung von Nervenimpulsen, sehr wichtige Funktionen mit Bezug zu Selbstkontrolle und Entspannungsvermögen.

Auf konstitutioneller Ebene zeichnen folgende Merkmale Hunde mit hohem Vata-Anteil aus:
• Feiner, zarter und zierlicher Körperbau
• Instinktive Neugier, sehr verspielter und freundlicher Charakter

• Schnelle Auffassungsgabe, lernt mit Freude Neues und möchte abwechslungsreich beschäftigt werden, ist jedoch oft ungenau und hektisch in der Ausführung von Trainingsaufgaben
• Sehr gute Spontankraft, Wendigkeit und Schnelligkeit, jedoch begrenzte Ausdauer
• Probleme bei der Ruhefindung
• Sicherheit und gewohnte Umgebung als Voraussetzung für Entspannung
• Subtile Wahrnehmung von Umweltreizen, Stimmung der Bezugspersonen oder Alltagsveränderung, entsprechend sensible Reaktionen auf ihre Umwelt
• Neigung zu Euphorie, Stimmungswechseln und Übersprungshandlungen bei erhöhter Anspannung (Vata-Hunde werden oft als sprunghaft und unzuverlässig beschrieben)
• Bei Überforderung und Reizüberflutung Neigung zu Überreaktionen, Nervosität, Ängstlichkeit oder Aggressivität

Vata-Konstitution

Es lässt sich erkennen, dass schon eine gesunde Vata-Konstitution viele Eigenschaften umfasst, die von Laien häufig als „hyperaktiv“ fehlgedeutet werden. Grundsätzlich sind Vata-Hunde energische, aktive und sensible Tiere, denen Geduld zwar antrainiert werden kann, aber konstitutionell nicht mitgegeben wurde.

Ist Vata erhöht, zeigt sich dies in einem pathophysiologischen Zustand: Vata-Hunde (auch andere Konstitutionen) sind dann nervös und schnell reizbar. Sie finden durch das übermäßig vorhandene Bewegungsprinzip in ihnen keine Ruhe, Sicherheit und Zufriedenheit mehr, stehen ständig unter Strom, verlieren Erdung und Halt. Kein Wunder, dass diese Hunde oft nur schlecht allein bleiben können, sich Halt und Sicherheit bei ihren Bezugspersonen oder Hundefreunden suchen müssen und abhängig von ihrer Umwelt sind. Vata-Tiere sind sehr bedürftig. Wärme, Sicherheit, Halt, regelmäßiges Futter und Nähe beruhigen sie. Als Welpen sind sie abhängig von ihrer Mutter, später von „ihrem Menschen“. Dieser Konstitutionstyp ist anhänglich und reagiert sehr fein auf jegliche Stimmungswandlung des Besitzers und dessen Fitness. Nicht selten verstärken sich ihre Verhaltensauffälligkeiten in Situationen, in denen ihr Besitzer in Stress gerät.

Geisteszustände im Ayurveda

Die Ayurveda-Lehre unterscheidet Hyperaktivität zwischen konstitutionell physiologisch bei ausgeprägter Vata-Konstitution und pathologisch bei Vata-Erhöhung, v.a. dann, wenn Rajas des Geistes zusätzlich aus der Balance gekommen ist.

Auf geistiger Ebene definiert Ayurveda drei Zustände: Rajas (Aktivität), Tamas (Inaktivität) und Sattva (Harmonie zwischen Aktivität und Inaktivität). Die Hauptaufgaben des Geistes sind Unterscheidung, Entscheidung, Entschlossenheit und Erinnerung. Seine Aktivität zeigt sich im Rahmen der Sinneswahrnehmung, der Verarbeitung von Sinneseindrücken, der Reflexion der Wahrnehmung und der Selbstbeherrschung im Sinne einer Kontrolle von Reflexen und gelernten Verhaltensmustern. Der Geist kontrolliert somit alle Sinnes- und Handlungsorgane.

Geistige Gesundheit kann aus ayurvedischer Sicht durch die Maximierung von Sattva erreicht werden, denn der von Sattva erfüllte Geist ist geprägt von Ruhe, Intelligenz und Selbstvertrauen. Wird der Geist durch Rajas regiert, erkennen wir dies anhand überzogener Reaktivität auf Außeneinflüsse. Rajas sorgt in gesundem Maße für aktives Handeln und Aufnahmevermögen von Umweltreizen, stört im Übermaß jedoch die Entscheidungsfindung, auf welche Außenreize in welchem Maß reagiert werden soll. Auch die Unterscheidung von Reizreaktionen (Aggression, Freude, Angst oder lediglich Beobachtung) fällt durch zu viel Rajas schwerer. So sind Hunde mit übermäßigem Rajas im Geist jederzeit „auf dem Sprung“ und können nicht gelassen oder angemessen auf Umweltreize reagieren. Es fehlt ihnen an Tamas, um dieser Unruhe entgegenwirken zu können und über diesen Ausgleich Sattva zu stärken. Der von Tamas geprägte Geist ist durch innere Widerstandsfähigkeit und Trägheit gekennzeichnet. Grundsätzlich sollte auch diese geistige Qualität minimiert werden, sie kann aber für den Rajas-Ausgleich sehr hilfreich sein.

Therapieansätze

Das Behandlungsprinzip beruht auf den Grundsätzen der Ethnoveterinärmedizin Indiens und lautet: Balancierung von Vata-Dosha mit gleichzeitiger Stärkung von Sattva im Geist und Kontrolle von Rajas. Dies kann z.B. durch Ernährungs-Tipps erreicht werden. Vata balancierend und Rajas ausgleichend sind warme, gekochte und frische Futtermittel. Besonders empfohlen wird ein selbstgekochter „Ruhe- Eintopf“ für den Hund:

• Kohlenhydrate: Quinoa oder Basmatireis
• Pflanzliche Eiweiße: Mungbohne
• Tierische Eiweiße: Huhn, Pute, Wild, Pferd
• Wurzelgemüse: Rote Beete, Karotte, Süßkartoffel
• Kürbisgemüse: Zucchini
• Blattgemüse: Mangold, Spinat
• Fette: Walnussöl, Ghee
• Gewürze: Kreuzkümmel, Fenchel, Kurkuma, frisch gehackter Basilikum, Majoran, Thymian

Beispielrezept (für einen Hund mit 20 kg, Tagesration)

1 EL Mungbohnen (Munghdal) trocken in einem Topf 5 Minuten anrösten, dann über Nacht einweichen. In einem Topf ½ TL Ghee mit 1 MS Kreuzkümmel, 1 MS Fenchel und 2 MS Kurkuma erwärmen. Eingeweichte Mungbohnen und 2 EL Quinoa (gewaschen) hinzugeben, 1 Minute im Ghee anrösten, dann 1 l Wasser hinzugeben und köcheln lassen. In dieser Zeit je 1 Rote Bete, Karotte und Zucchini sowie 1 Handvoll Mangold klein schneiden und in den Sud geben. Das ganze 20 Minuten weiter kochen lassen. Dann 800 g Alleinfutter Barf-Fleisch (gefroren oder als Barf-Dose) der Sorte Wild hinzugeben und 2-5 Minuten im Eintopf ziehen lassen (bis das Fleisch ganz leicht braun wird), dann vom Herd nehmen. 1 TL Walnusskernöl und 1 El frisch gehackte Gartenkräuter hinzugeben.

Dem Hund auf 2-3 Malzeiten verteilt über den Tag verfüttern. Vor der Fütterung je 1 MS Ashvagandha und Tulsi als Futterergänzung unterrühren.

Das Rezept kann saisonal abgewandelt und die Zutaten gemäß der obigen Liste ausgetauscht werden, um für eine abwechslungsreich ausgewogene Ernährung zu sorgen.

Traditionelle Futterergänzungen

Der ausgeglichene Geist sowie die Stärkung von Sinnes- und Handlungsorganen kann durch traditionell ayurvedische Futterergänzungen gefördert werden.

Amalaki (Phyllanthus emblica)
Amalaki senkt Vata, Pitta und Kapha, reduziert Magenbrennen, ist gut für Psyche und Nerven, intelligenz- und gedächtnisfördernd sowie stoffwechselanregend. Es hilft dem Hund bei der Verarbeitung von Sinneseindrücken und beugt stressbedingten Magenschmerzen vor.

Ashvagandha (Withania somnifera)
Ashvagandha senkt v.a. Vata (und etwas Kapha), wirkt beruhigend, stressreduzierend und abwehrsteigernd. Damit kann es dem Hund helfen, Ruhe und Halt zu finden. Es stärkt Selbstvertrauen und innere Gelassenheit.

Tulsi (Ocimum sanctum)
Tulsi senkt Vata und Kapha, ist adaptogen, stärkt mentale Ausdauer und innere Ruhe.

Brahmi (Bacopa monniera)
Brahmi senkt Vata und Kapha, stärkt Geist, Nerven und Psyche, lindert innere Anspannung, Nervosität und Verlassensängste.

Mandukaparnie (Centella asiatica)
Mandukaparnie senkt Kapha und Pitta, stärkt Psyche und Nerven, hilft bei der Auflösung alter Verhaltensmuster und der Traumabewältigung. Es lindert nervöse Störungen und Übersprungshandlungen.

Fallstudie

Eine verzweifelte Hundebesitzerin sucht für ihren aufgeweckten Schäferhund-Rüden Leo (4 Jahre, kastriert) Hilfe im Rahmen einer Verhaltenstherapie. Sie hat bereits mehrere Hundetrainer ausprobiert und sowohl die autoritäre als auch die antiautoritäre Erziehung versucht. Egal ob mit Konsequenz oder Ablenkung durch Leckerlis: Leo schafft es nicht, sich länger als 30 Sekunden zu entspannen, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren oder länger als 1 Minute einem Kommando („Platz und bleib!“) zu folgen.

Hintergrund

Sobald Umwelteinflüsse ihn ablenken, wird der junge Schäferhund hochaktiv. Zwar bleibt er immer freundlich, hat aber durch seine überschwängliche und unkontrollierbare Art schon einige Menschen in Gefahr gebracht wie auch Gegenstände und Wohneinrichtung zerstört. Tatsächlich entspannt sich der Rüde am besten in seiner Kiste im Flur, wenn alle Türen verschlossen sind. Die Besitzerin schiebt Leos Unruhe und stürmische Art auf dessen Jugend; sie hofft darauf, dass sich alles verwächst und Erziehung mit der Zeit helfen wird. Allerdings hat sich die Grundproblematik über die gesamte Zeit nur geringfügig verändert und ist im Alltag nur schwer zu bändigen. Mittlerweile kann der Hund zwar etwas besser „horchen“, beginnt aber, sobald er zur Ruhe gezwungen wird, mit autoaggressiven Verhaltensmustern (Pfoten- oder Schwanzbeißen, starkes Schlecken). „Auch wenn er mittlerweile nicht bei jedem Reiz ausflippt, sieht man ihm an, wie gestresst er ist“, berichtet seine Besitzerin beim Erstgespräch.

Diagnostik

Bekannte haben Leo früher scherzhaft als „hyperaktiv“ bezeichnet, heute ist dies durch Verhaltenstherapeuten diagnostiziert. Der Rüde leidet an einer echten Hyperaktivität. Seine Besitzerin versucht nun mittels Ernährung und Naturheilkunde, schulmedizinische Medikamente zu vermeiden oder deren Dosierung so gering wie möglich zu halten.

Therapieplan

Wir beginnen mit einer Futterumstellung auf Alleinfutter Puten-Barf-Fleisch (50%) mit gekochtem Gemüse (40%, Karotte, Zucchini und Süßkartoffel), Mungbohne (5%) und Reis (5%). Dazu bekommt er 1 TL Walnusskernöl und Spirulina-Alge. Zusätzlich werden je 1 MS Tulsi, Brahmi und Fenchel als Futterergänzung beigefügt. Diese Mahlzeit erhält Leo dreimal täglich. Anstelle von Wasser zum Trinken empfehle ich einen sehr dünn aufgegossenen Tee aus Süßholz, Melisse und Hopfen. Zudem zeige ich seiner Besitzerin eine Gesichtsmassage zur Entspannungsförderung, die vor und nach dem Training sowie in Stresssituationen durchgeführt werden kann. Ihr Schützling reagiert bereits auf die erste Energiepunktmassage entlang von Nasen- und Jochbein sowie an den Ohren sehr positiv.

Verlauf

Schon in den ersten Tagen ist eine leichte Besserung spürbar, jedoch ist die Besitzerin unsicher, ob dies nicht auch ihrer Erwartungshaltung geschuldet sein könnte. Meine Empfehlung ist, unter der beschriebenen Ernährung und mit viel Geduld Verhaltenstraining zu beginnen; zunächst nur zuhause, beginnend im Flur, der bereits als Ruheort bekannt ist, später auf verschiedene Zimmer ausgeweitet. Außenreize sollen zunächst auf ein Minimum reduziert werden, später kann das Training mit Musik, Fernsehen und im Beisein anderer Menschen innerhalb des Hauses stattfinden.

Während der ersten vier Wochen kommt Leo zusätzlich einmal wöchentlich zu einer Ganzkörper-Energiemassage zu mir, und ich kann seine erkennbaren Fortschritte mit der Besitzerin besprechen.

Nach einem Monat stellt die Besitzerin bei ihrem Hund deutlich ruhigeres und bewussteres Verhalten im Haus fest. Wir fügen dem Futter nun je 1 MS Ashvagandha und Mandukaparnie morgens und abends als Futterergänzung hinzu und weiten das Training langsam auf die am häufigsten genutzte Gassi-Runde aus. Hierfür lässt sich die Besitzerin zunächst von ihrer Trainerin begleiten. Der Rüde ist immer noch aufgeregt und stürmisch, jedoch haben die Autoaggressionen in Ruhe- und Konzentrationsphasen abgenommen. Auch seine Geduld scheint sich gebessert zu haben.

Nach drei Monaten berichtet die Besitzerin von einer deutlichen Verhaltensbesserung innerhalb des gewohnten Umfeldes. Zwar reagiert Leo in hektischer Umgebung und bei Reizüberflutung nach wie vor hyperaktiv, dennoch ist dies ein großer Schritt nach vorn. Wir beschließen, dem Rüden noch etwas Zeit zu geben und ihn nur langsam an verschiedene Reize zu gewöhnen. In Absprache mit dem Tierarzt beschließt die Besitzerin, zunächst keine Medikamente einzusetzen, sondern ihren Hund mit naturheilkundlicher Unterstützung weiter zu schulen. Um ruhiges Verhalten auch in fremder Umgebung zu unterstützen, empfehle ich ein dünnes Dinkelspelzkissen mit zusätzlicher Lavendelfüllung. Wärme und Lavendelduft scheinen die Entspannung des Rüden zunehmend zu fördern.

Status quo

Leo geht es heute sehr viel besser. Er ist nach wie vor ein aufgeregter und nervöser Hund, kann sich aber in den meisten Situationen gut fokussieren. Laute, hektische Umgebungen, z.B. in einem Café in der Stadt, kann er jedoch nicht lange aushalten. Auch merkt seine Besitzerin, wie anstrengend es für ihn in fremder Umgebung ist, sich zu konzentrieren. Zuhause ist der Hund nach solchen Übungen sehr erschöpft und sucht Ruhe. Auch dies ist sehr positiv zu bewerten, war er früher doch oft vor Erschöpfung völlig überdreht.

Leo wird weiterhin mit selbstgekochter ayurvedischer Nahrung, Mandukaparnie und Ashvagandha unterstützt. In Situationen, die sehr stressig für ihn sind, nutzt die Besitzerin noch das Lavendel-Dinkelspelzkissen als Ruheanker für ihren Schäferhund.

Fazit

Hyperaktivität bei Hunden verringert sich stets langsam und oft nur in Begleitung eines guten Verhaltenstrainings. Ernährung, Futterergänzungen und Energiepunktmassagen können eine wertvolle Unterstützung darstellen, mit ihren Wirkungen Lernprozesse vereinfachen und Stress reduzieren.

Theresa Rosenberg
Heilpraktikerin mit Schwerpunkt Ayurveda, Ernährungsberaterin für Hunde und Katzen, Autorin über ganzheitliche Tiergesundheit
theresa@rosenbergs.eu

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